41. Löberitzer Schachtage 2026
Erstes Wochenende
Weltschachdorf Löberitz
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Wenn man sich auf eines verlassen kann, dann auf den Sommeranfang zu den Schachtagen. Dieses Jahr also eine Woche früher als sonst Hitzewelle. Die zwei Wochenenden braucht es auch bei prall gefülltem Programm. Zunächst Unruhe bei der Eröffnung am Sportplatz/Schachclub. Einige Protagonisten fehlen: Brigitte Burchardt, Rainer Knaak, Chevaliers Tauben und Konrad höchstselbst. Dabei hatte er zuvor noch mit Robert das Pendant zum Olympia-Tisch Fischer-Tal aus den Händen von Jörg Schmidt von den Rüben und dessen Frau Elke entgegen genommen: den Olympia-Tisch Uhlmann - Unzicker.
Am Ende taucht Konrad, der sich um Rainer gesorgt hat, doch noch auf (mit Rainer im Schlepptau), um die Festtage zu eröffnen. Da war schon klar: Brigitte würde wohl nicht kommen. Vier Stunden pralle Sonne Autobahn in Verbindung mit einer Panne braucht niemand. Für Runde 1 fand sich Dr. Gerhard Köhler spontan zu einer Partie außer der Wertung gegen Klaus Bischoff bereit - fortan und offiziell blieb das Brett leer und damit auch das personalisierte Handtuch ungenutzt. Wir sind fast schon auf dem Level der Freestyle-Turniere von H. Büttner, wo jeder Star ein Jacket in "seiner" Farbe bekommt ;-)
Schon zu Wochenbeginn hatte es Verschiebungen im Teilnehmerfeld des Ehrenpreisturniers gegeben, da Robert Rabiega aus familiären Gründen absagen musste. Mit Klaus Bischoff konnte absolut adäquater Ersatz gefunden werden. Gemeinsam mit seiner Frau Ingrid Lauterbach, die anderntags am Schnellturnier teilnahm, folgte er damit Nigel Short ("Dana tricked me!") vom Ortsnachbarn MSA Zugzwang vier Jahre später ins kleine Dorf Löberitz.
Auch ohne Tauben (die am Samstag ihre Start nachholten) geriet die Eröffnung schwungvoll. U. a. dank einer mal wieder Politiker-untypischen Rede (durch und durch positiv gemeint!) von Bürgermeister Matthias Egert. Löberitz wurde schonmal zum Weltschachdorf erhoben. Bis auf das Ehrenpreisturnier zog der Tross dann gen Turnhalle und Hübner-Archiv weiter.
Der doppelte Michael
Die geplante Vorstellung von Konrads zweibändiger Hübner-Biographie und die Eröffnung des neuen Museumstrakts lockte auch Gäste aus der Ferne an. Da ist zunächst Schachhistoriker und Autor Michael Negele zu nennen, der u. a. mit Robert Hübner an der Lasker-Trilogie des Excelsior-Verlags gebarbeitet hatte. Eine nicht immer einfache Zusammenbarbeit, wie er hier schildert. Nach zehn Jahren Pause ist er zurück in Löberitz und verspricht, mit dem nächsten Besuch nicht so lange zu warten.
Michael Dombrowsky ist da, der fast zeitgleich seine Hübner-Biographie "Robert Hübner - Ein Leben in vielen Welten" veröffentlicht und Konrad im Vorwort dankend erwähnt hat. Sein Werk basiert auf mehreren Gesprächen mit Robert und ist grundlegend anders aufgebaut. Beiden gemein ist allerdings, dass sie für schachliche Analysen auf andere Quellen verweisen. Dombrowsky erzählt - ebenso wie Konrad natürlich - vom Werdegang seines Buches. Im Schlepptau hat er seine Vereinskollegen Christoph Schmidt, Olaf Wolna und Günter Fröbel vom Bergstedter SK (Hamburg), die anderntags beim Schnellschach mitmischen werden.
A wie Adriaan (mit 3 A) und Archiv
Die wohl weiteste Anreise hatte Adriaan Poffers - ein spielstarker niederländischer Amateur mit Wohnsitz in Portugal.
Wir kommen im neuen Hübner-Archiv, das aufgrund der Enge der Gänge immer nur kleine Gruppen aufnehmen kann, ins Gespräch. Er war gut mit Robert befreundet und hat ihn des öfteren für mehrere Tage besucht. Literatur war dabei nur eines von vielen Themen bei oft ausgedehnten Spaziergängen im nahe gelegenen Forst. Ausgezeichnet kennt er auch Roberts Bibliothek. Die "75 Satirchen" von Olli sind übrigens in der Bibliothek des Hübner-Archivs enthalten. Adriaan ist einer der Protagonisten in Robert Hübners ungewöhnlichem Buch "SCHUND" (Schachverband unverzagter Dilettanten). Wie im Übrigen auch Guntram Hilbenz, der uns hier schon als Testamentsvollstrecker begegnet ist und auch in Konrads Buch zu Wort kommt. Die Selbstbezeichnung der Mitglieder lautet offenbar "Schundler".
Da wir uns gerade in der gemütlichen Enge des Hübner-Archivs unterhalten haben, noch einige Schilderungen dazu. Gleich vom Eingang prangt uns Robert in Lebensgröße am Löberitzer Schachdenkmal entgegen. Mit der Original-Türklingel aus Köln begehrt man Einlass.
Kernstück des Archivs ist seine Schachbibliothek mit vielen seltenen Werken und natürlich finden wir hier auch Turnierbücher z. B auf Finnisch. Katalogisiert und geordnet hat die Bücher Uwe Bombien. Daneben sind aber auch persönliche Dinge, (Terrakotta)-Schachfiguren, Roberts Modellierungen sowie zahlreiche Preise, Pokale und Urkunden zu finden. Nicht zu vergessen die gesammelten Partieformulare, Tagebücher und Briefe. Was an baulichen Maßnahmen im Reiter zusätzlich erforderlich war, müssen wohl unsere Handwerker vor Ort ergänzen. Nachsatz: Am Aufbau des Archivs beteiligt waren neben Konrad die Museumsmitarbeiter Klaus-Dieter Fenske, Matthias Polifka, und Lutz Arnold mit seiner Frau sowie Chevalier.
Siegfried und Roy Harry
Erfrischend kurz fällt Siegfried Schönles Statement zur Buchvorstellung aus. Sein Beitrag zur Biographie indes ist so maßgebend, das er als Co-Autor genannt wird.
Nach fast 20 Jahren ist Harry (Schaack) nach Löberitz zurückgekehrt. Wir erinnern uns kurz an das Interview, das Mikly und ich 2007 während der Schachtage mit ihm führten. Mit KARL 1/2025 hat er das Heft aus traurigem Anlass Robert Hübner gewidmet. Dabei sind einige derer, die heuer in Löberitz anwesend sind (Michael Dombrowsky, Klaus Bischoff), zu Wort gekommen.
Schließlich gehen etliche signierte Hübner-Biographien über den Tisch. Die Kleinauflage wird wohl bald aufgebraucht sein.Viele sehr interessante und angeregte Gespräche bei gestutzten Koniferen lassen den Abend ausklingen. Wir lernen auch, dass Buchungsnummern nicht gleich Buchungsnummern und Gäste nicht gleich Mieter sind. Harry versorgt mich zudem mit zahlreichen Bildern, die in diesem Bericht zu finden sind. Besten Dank!
Karbid und Sauerampfer Rapid und Einzelzimmer
Samstag Vormittag dann Schnellschach-LEM unter Leitung von Roland Katz und Uwe Bombien. Der beim Ehrenpreisturnier spielfreie Viktor Moskalenko hatte kurz scherzhaft überlegt einzusteigen, tat es dann jedoch nicht. Trotzdem gute Besetzung in der Spitze. Karsten Schulz - am zweiten Wochenende wegen Blitz-DMM verhindert - wollte sich Löberitz nicht nehmen lassen. Unser passiver Michael Strache (der analog Oberliga vor allem gegen Löberitz punktete ;-)), der andere Micha (Becker), die starke AEM-Riege mit den immer stärker werdenden Youngstern aus der (noch?) II. Mannschaft und Routinier Gordon Andre (Flash). Sowie Spitzenspringer Bob Beamon Gedeon Hartge.
Da es einige Parallelveranstaltungen gab und nicht alle an zwei Wochenenden hintereinander nach Löberitz kommen können, war auch die quantitative Besetzung in Ordnung. Wir als Gastgeber zwar nur mit vier Eisen im Feuer, aber unsere Spitzen Robert (Ehrenpreisturnier) und Alex (Schnellschach-DEM) waren (neben Agnesa) ja auch anderweitig gebunden. Norman dennoch lange auf Kurs Fünfjahres-Plan, aber (wohl vermeidbare) Schlussrundenniederlage gegen Jakob Nönnig. Jakob Nönnig und Arne Herter waren übrigens vor fünf Jahren auch schon dabei und haben seither ordentlich an Spielstärker zugelegt.
Nach Normans Niederlage lief es auf einen Wertungsentscheid zwischen Jakob und Gordon (jeweils starke 6/7) hinaus mit knapp besserem Ende für Letzteren, auch wenn ich ihn in der letzten Runde um einen halben Buchholzpunkt beschummelte. Der Landesmeister schildert seinen Turnierverlauf für uns so:
"In den ersten zwei Runden habe ich leicht bessere Endspiele gewonnen.
In Runde 3 gegen Micha Becker bin ich schon aus der Eröffnung heraus komplett überspielt worden und hatte viel Glück, dass ich mich überhaupt in ein Endspiel mit Springer weniger für zwei Bauern retten konnte. In Zeitnot gab er die Figur unnötig zurück und mein Randbauer lief im Damenendspiel schneller durch als seiner.
Abgesehen davon stand ich aber in keiner Partie mal deutlich schlechter.
Die fünfte bis siebente Runde waren allesamt strategische Schlachten - die beiden Schwarzsiege waren meine besten Partien. Wenngleich mein optimistisches Figurenopfer gegen Arne zwar in seiner Zeitnot zum Matt führte, aber die Partie objektiv wieder unklar gestaltete.
Gegen Jakob habe ich mit einem taktischem Trick einen Bauern gewonnen, dann aber den einfachen Sieg ausgelassen. Hätte ich die Partie gewonnen, wäre es zu einem Duell um den Turniersieg mit Normi gekommen. Wer weiß, wie das ausgegangen wäre ..."
Norman am Ende zumindest noch auf Platz 3 und einen Titel - den der Landesmeisterin durch Bekka - gab es für die Gastgeber dennoch.
Der verbliebene Tross zog weiter zum Zörbiger Griechen und Schuli wollte sich den Luxus der Mattenübernachtung auch diesmal nicht entgehen lassen. Nächste (diese) Woche wird es voller.
Zeitnotschlachten
Mit der Schilderung des Ehrenpreisturniers konnten wir getrost bis hierhin warten, weil es als einziges bis Sonntag andauerte. Zu Tradition und Hintergründen zitiere ich Schiedsrichter Gert Kleint aus seinem Bericht beim LSV.
"Im Rahmen des II. Kongress des Saale-Schachbundes im Jahr 1883 fand das erste Ehrenpreisturnier in Löberitz statt. Damals spielte ein junger Medizinstudent aus Halle mit, der sich später zu einem der besten Spieler der Welt entwickelte. Dr. Siegbert Tarrasch war sein Name.
Viele Jahre eng verbunden mit dem Löberitzer Schachverein war ein weiterer deutscher Weltklassespieler. Seit 2001 ununterbrochen war Dr. Robert Hübner Teilnehmer des Ehrenpreisturniers. Leider ist er im Januar 2025 verstorben. In enger Verbundenheit hatte er testamentarisch verfügt, dass sein reichhaltiges und umfängliches Schacharchiv in das Schachmuseum Löberitz überführt wird.
Den Großmeistern zu Ehren wird nunmehr das Ehrenpreisturnier verknüpft mit beiden Namen und es wird um den "Tarrasch-Hübner-Pokal" gerungen. Um die Pflege der Vereinstradition kümmert sich seit vielen Jahren Konrad Reiß. Er wird von seiner gesamten Familie und von vielen freiwilligen Helfern unterstützt. Herzstück ist das Schachmuseum Löberitz, dass inzwischen hohe Aufmerksamkeit aus nah und fern erfährt.
Konrad Reiß ist es wieder gelungen, ein internationales Feld verdienstvoller Schachgrößen mit jungen Spitzenspielern des eigenen Vereins zusammenzuführen."
Auch für den weiteren Verlauf verweise ich gern auf Gerts Bericht, der näher am Geschehen war. Nach seiner Einschätzung agierte Turniersieger Viktor Moskalenko - gesegnet mit ukrainisch-spanischer Lebensfreude und Humor - in der Zeitnotphase am besten. Diese wurde wie in der guten alten Zeit ohne Boni ausgetragen. Klaus Bischoff kennt diese Zeit auch noch, agierte aber vor allem gewohnt solide und zeigte gegen Agnesa seine Klasse. Für Letztere war Platz 3 mit zwei Siegen gegen Rainer und Robert ein schöner Erfolg.
Für Robert war hingegen früh klar, dass die Titelverteidigung schwierig wird, aber man kann natürlich nicht immer in einem solchen Feld gewinnen. Dem ältesten Teilnehmer Rainer Knaak fehlte hinten raus oft schlicht die Zeit, obwohl die Stellung in Ordnung war.
Dank für die Organisation gebührt Konrad, Rebekka, Chevalier, Andreas, Uwe, den Frühstücks-Garanten Nicole Bruder und Astrid Ködderitz, den Schiris Gert Kleint und Roland Katz sowie allen Aufbau- und weiteren Helfern. Bestimmt habe ich jemanden vergessen, aber es bleibt ja noch Gelegenheit für einen zweiten Bericht ...
Reyk



