Buchrezension Viswanathan Anand: "Mind Master -
Winning Lessons from a Champion's Life"
Spezielle Seiten für Schachbuch-Rezensionen sind im Kommen. So versucht diese nennenswerte Seite eine Community mit einer Vielzahl von Rezensenten aufzubauen. Mehr über das Projekt im Perpetual Chess Podcast Folge 354.
Ich habe mich allerdings entschlossen, meinen ersten Rezensions-Versuch auf unserer Vereinsseite zu veröffentlichen.
"Mind Master - Winning Lessons from a Champion’s life" ist Vishy Anands Autobiographie, die er zusammen mit der Sportjournalistin Susan Ninan verfasst hat. Erschienen ist sie 2019 bei Hachette India.
Im Perpetual Chess Podcast, Folge 165 erzählt Vishy ausführlicher über den Entstehungsprozess des Buches und die Zusammenarbeit mit seiner Co-Autorin. Susan führte viele Interviews mit Vishy, aber auch mit der Familie und den Sekundanten. Daraus seien Materialien und Themenvorschläge entstanden. Insbesondere Vishys Frau Aruna hätte viele Themen eingebracht und verfügt über ein hervorragendes Gedächtnis.
Vishy beschreibt im Podcast, dass nicht nur Schachspieler die Zielgruppe des Buches seien, sondern auch Nicht-Schachspieler. Ersteren wolle er einen Blick hinter die Kulissen bedeutender Wettkämpfe und Partien geben. Letzteren einen groben Einblick vermitteln, was im Kopf eines Schachspielers abläuft. Vorab: Dies ist ihm sehr gut gelungen, auch wenn ich natürlich nur für die erste Zielgruppe aus eigener Erfahrung sprechen kann.
Gelegentlich gibt es natürlich Überschneidungen - etwa wenn er beschreibt, welche mentalen Tricks er in schlechten/verlorenen Stellungen anwendet und dabei auch konkrete Partieverläufe beschreibt. Spannend ist auch, wenn er die "Pokerface-Fähigkeiten" von Spitzenspielern, etwa von Carlsen, einschätzt. Er selbst achte vor allem auf Atemmuster beim Gegner, wenn die Mimik nichts her gibt.
Ich habe mir die Hardcover-Ausgabe zugelegt. Im Anhang des Buches gibt es eine Reihe schöner Farbfotografien. Leider fehlt ein Personen-Index.
Mit (gutem) Schach-/Schul-Englisch sollte man weite Strecken des Weges bewältigen können. Ich musste das eine oder andere Wort nachschlagen. Was ich aber gern tue, wenn es der Erweiterung des Horizonts dient.
Es handelt sich um ein reines Lesebuch ohne Partien. Einige wenige Diagramme halten Anands wichtigste und schönste Partien noch einmal schachlich fest. Partiensammlungen gibt es von ihm bereits in Form von "My Best Games of Chess" (B. H. B. Distribution 1998) sowie "Vishy Anand: World Chess Champion - Life and Games" (Gambit 2012). Co-Autor ist hier John Nunn und der Stand der Neuauflage 2022 dürfte immer noch der von 2012 sein. Es fehlen also vermutlich wichtige und schöne Partien wie sein berühmter Sieg gegen Aronian in Wijk aan Zee 2013. Mit dieser Partie habe ich mich im Rahmen dieses Beitrags auf unserer Seite ausführlich beschäftigt.
Es gibt auch eine zweibändige Chessbase-DVD "My Career in Chess", die aber wohl mit dem Gewinn des WM-Turniers 2007 in Mexiko endet.
Zu nennen ist in jedem Fall noch Michiel Abelns Buch "The Anand Files" (Quality Chess 2019). Es beschreibt die drei WM-Matches gegen Kramnik (2008), Topalov (2010) und Gelfand (2012) aus Sicht von Anands Sekundanten und liefert auch kommentierte Partien.
Ich muss gestehen, ich mag die reinen Textbücher, die man praktisch von Cover to Cover verschlingen kann und auf dieses Buch trifft das absolut zu. Weitere Beispiele aus dem Schachumfeld sind "The Inner Game" (Dominic Lawson über das WM-Match Kasparov - Short 1993), Botvinniks Autobiographie "Achieving the aim", Karpovs Autobiographie "Karpov on Karpov" oder Kasparovs "Deep Thinking" über Computerschach und die Matches gegen Deep Blue.
Anand schildert in zwölf Kapiteln, beginnend mit "DITCHING THE LADDER" und endend mit "STAYING ALIVE" seinen schachlichen Werdegang, gibt aber auch tiefe Einblicke in sein (nicht nur schachliches) Denken und seine Einstellung zu bestimmten Fragen des Lebens.
Anand stellt seinem Buch eine Widmung an seine Mutter Sushila Viswanathan voran, die immer wieder erwähnt wird als wichtige Stütze auf dem Weg in die Weltspitze. Schon frühzeitig schrieb sie alle Schachprobleme aus einer Fernsehshow auf, während Vishy in der Schule war und am Nachmittag lösten sie die Aufgaben gemeinsam. Vishy wurde zum Dauerpreis-Gewinner der Show. Schachbücher sollte er so viele bekommen, wie er wollte.
Seine Mutter hat ihn in vielen Dingen geprägt, sowohl im schachlichen Denken:
"Our earliest lessons are seared into our minds and hearts. A habit I grudgingly picked up as a child on my mother's insistence was writing down my impressions immediately after a game; typically a loss. When your are young, you don't find any pressing need to live up to a routine, and back then I did it more for my mother's satisfaction than for my benefit. I'd methodically write the notations down in neat letters and often underline - with a belligerent double streak - the notes on the portions of the game where I blundered. As I grew older, this practice slowly grew on me."
(Mind Master, S. 29)
wie auch in ganz alltäglichen Dingen:
"It was not just chess that my mother gave me company in. She learnt swimming too, so she could be with me in the pool at our home in Manila and offered herself up to be something of a lifeguard as I splashed around. She was indulgent in her affection towards me."
(Mind Master, S. 26)
2015 verstarb sie. Ein schwerer Verlust für Anand, der im Buch ebenso verarbeitet wird wie weitere Schicksalsschläge (Arunas Fehlgeburt 2004).
Die Bedeutung der Familie als Unterstützung erwähnt Vishy immer wieder - später auch in Person seiner Frau Aruna (die auch seine Managerin wird) und seines Sohnes Akhil, zu dem er u. a. sagt:
"We learn so much from each other every day."
(Mind Master, Bildunterschrift, letztes Bild im Anhang)
Man darf nicht vergessen, dass Indien Ende der 80er Jahre ein schachliches Entwicklungsland war und die Situation eine gänzlich andere als heute. Vishy wurde 1987 Indiens erster Großmeister und seine Erfolge bahnten den Weg für kommende Generationen wie Harikrishna, Ganguly, Sandipan, Negi oder aktuell Gukesh, Praggnanandhaa, Erigaisi, Vidit, Aravindh, Sarin, um nur einige zu nennen.
Vishy stieg zu einer Zeit in die Weltspitze auf, als diese noch von der Sowjetunion und schließlich ihren Nachfolgestaaten dominiert wurde und niemand Indien auf der Rechnung hatte. Der "Tiger von Madras" galt als Exot, der vor allem durch extrem schnelles Spiel auffiel, aber auch vor niemandem Respekt hatte und z. B. Kasparov einige frühe empfindliche Niederlagen zufügte, bevor dieser in ihrer persönlichen Bilanz davon zog.
Vishy beschreibt die Situation nachfolgend und wir sehen einen weiteren Vorzug des Buches: Es gibt immer wieder wohldosiert feinen Humor zu lesen.
"At best, I was an oddity on the world of chess scene. A Non-Soviet (and a non-Westerner) from a land that sounded unfamiliar, exotic and far-flung from the rumblings of the sport. Phonetically too my name was a misfit among the Soviet cluster of chess players' names that rhymed with each other's and almost sounded familial.
For the Soviets, chess was a national obsession. Powerful state sponsorship motored the monolithic chess machine and everywhere you looked - parks, trains, smoke-filled club corners - you'd spot both old and young faces furrowed in quiet reflection, thumping pieces on the table or straddling a board on their knees. Brides added chessboards to their wedding trousseaus and when you travelled you got the feeling that every cab driver in the country could checkmate you with a smirk."
(Mind Master, S. 123)
Heute liest man natürlich mit einem Schmunzeln, dass ein starker Spieler aus Indien als exotisch galt.
1991/92 gewann Vishy überraschend das Superturnier in Reggio Emilia vor Karpov und Kasparov. Spätestens jetzt wurde Vishy offenbar als Bedrohung (an)erkannt:
"It's at this point that I discovered that 'talent' is a word people use to describe you when they want to express good-hearted empathy. It merely reflects that you're not yet a threat to their dominance or their prize fund flow. It's when they trash-talk you - like they did after my surprise coup in Italy - that you know you're respected, maybe even feared."
(Mind Master, S. 125)
1995 kam es auf dem Dach des World Trade Centers zum PCA-WM-Kampf zwischen einem noch recht unerfahrenen Anand und Kasparov. Bekanntlich ging Vishy nach 8 Auftaktremisen in der 9. Partie in Führung, wurde dann aber zerlegt. Hier seine Eindrücke zur 10. Partie:
"Kasparov returned an ill-tempered, marauding highwayman in the tenth game. He banged his pieces on the board, leapt out of his chair after making his moves, and occasionally walked out of the room, slamming the door behind him. It was presumably an effort to rattle me and I found it thoroughly unpleasant."
(Mind Master, S. 106)
Die Vorbereitung mit Hilfe von Engines steckte damals noch in den Kinderschuhen, aber Kasparov gelang es gegen Vishys Offenen Spanier ein entscheidendes Turmopfer auszugraben.
Apropos Türen knallen: Wenn man sich die Doku zum Match anschaut, kann man hier nachempfinden, wie laut schon ein ganz normaler Abgang war. Dass sich darum im Jahr 1995 niemand Gedanken gemacht hat, erscheint schon sehr überraschend.
Vishy zog wichtige Schlüsse aus dem Match und nahm eine Menge Motivation mit:
"The way the match went distilled every aspect of what I had been lacking and flashed it on to a projection screen before me. It drove me to base my preparations for future matches on all that I hadn't explored during the 1995 match - primarily the ability to switch, surprise and stay unaffected by psychological duress. It also became evident to me that the transition from being a strong player to become a champion wasn't going to happen on its own. I had to want it ardently enough."
(Mind Master, S. 116)
Natürlich werden in der Folge auch das WM-Finale gegen Karpov in Lausanne 1998 und der Gewinn der FIDE-Knockout-WM 2000 in Teheran sowie weitere wichtige Turniere im Buch ausführlich verarbeitet. Ich möchte sie hier nur kurz streifen.
Das WM-Finale gegen Karpov war sehr umstritten, da Anand ein dreiwöchiges Knockout-Turnier in Groningen in den Knochen hatte, um sich für das nur 3 Tage später beginnende Finale gegen Karpov zu qualifizieren. Während Karpov direkt ins Finale gesetzt wurde und ausgeruht sowie gut vorbereitet antreten konnte. Neu war für mich aus dem Buch, dass offenbar niemand bei der FIDE dafür gesorgt hatte, dass der Sieger der Groningen-Vorausscheidung nach Lausanne fliegen und dort nebst Team auch untergebracht werden konnte. Anand schreibt, dass die FIDE zwar für all ihre Offiziellen Hotels gebucht hatte, nicht aber für den Groningen-Sieger. So musste Team Anand sich in den drei Tagen zwischen dem Ende des Vorausscheids und dem Beginn der ersten Runde mit überbuchten Flügen und Hotels um den Jahreswechsel selbst herum schlagen.
Anand konnte das auf sechs Partien angesetzte Finale zwar in der letzten Partie in einem Kraftakt ausgleichen, aber für einen siegreichen Tiebreak reichten die Reserven nicht mehr.
Anand war einer jener Spieler, die noch ohne Computer schachlich aufwuchsen und sich später mit der immer bedeutenderen Rolle der Engines arrangieren mussten bzw. diese zu ihrem Vorteil nutzten. Sicher war Kasparov auch hier Vorreiter, da er bereits zu den Gründungszeiten von Chessbase sehr gute Kontakte zu Frederic Friedel unterhielt.
Aber auch Vishy hatte gute Kontakte zu Friedel und Hamburg und lernte schnell, die Programme und Engines zu nutzen. Dies ist aber sicher nur ein Aspekt, der seine schachliche Langlebigkeit begründet. Auch jenseits der 50 behauptete sich Anand noch einige Zeit in den Top Ten der ELO-Liste. Zur Stunde belegt er im Alter von 56 Jahren mit einer ELO-Zahl von 2743 immer noch Rang 13. Anand ist mittlerweile seltener im klassischen Schach aktiv. Er spielt aber z. B. immer noch in der Bundesliga und gar nicht so selten in Schnellturnieren/Schaukämpfen. 2022 wurde er zum Deputy President der FIDE gewählt.
Nachfolgend zwei Zitate, die belegen, wie sich Anand der Herausforderung sich ständig ändernder Rahmenbedingungen in der Schachwelt (wie im Leben) stellte:
"Computers are constantly churning out exceptions to every rule we knew. Lowering the resistance to change, removing bias from the picture, keeping an open mind and being willing to adapt in the best way to hit the ground running. It's essentially the attitude I've come to adopt. Dogmas and judgements, I've learnt, have to shed in favor of facts. This has allowed me to become more open-minded and occasionally re-evaluate my views. It's helped me evolve and stay relevant through every wave of change."
(Mind Master, S. 160)
"In any situation in life, being adaptable is the only way to grow and succeed. You may have skills that you've perfected, a certain worldview that worked for you at a particular stage - but the reality is that circumstances change, and you can't be prepared for everything. Lowering your resistance to change, removing bias and being willing to adapt will help you tackle whatever comes your way. Once you've assessed the resources at your disposal and weighed what is feasible against what is risky you will see the path."
(Mind Master, S. 163)
Nach dem Gewinn des Weltmeisterschafts-Turniers 2007 in Mexiko begann ab 2008 eine Zeit sehr erfolgreicher WM-Matches für Vishy, die im Zweijahres-Rhythmus (und später gegen Carlsen sogar jährlich) allerdings auch kräftemäßig ihren Tribut forderten. Die Matches gegen Kramnik (2008), Topalov (2010) und Gelfand (2012) werden auch ausführlich von Michiel Abeln im Buch "The Anand Files" beleuchtet. Dort gibt es im Gegensatz zu "Mind Master" zudem kommentierte Partien. Abeln hat mit Anands Sekundanten gesprochen und so die Atmosphäre der Matches gut eingefangen und ihnen auch so manche Story entlockt. Dennoch ist Vishys Perspektive aus erster Hand erfrischend neu und natürlich im Allgemeinen noch einmal detailreicher, so dass sich beide Bücher sehr gut ergänzen. Vishy geht die Schlüsselpartien verbal im Detail durch und vermittelt dabei tiefe Einblicke in sein Denken und die schachliche Vorbereitung. Meine kurzen, meist zusammenfassenden Zitate können (und sollen) das natürlich nicht einmal ansatzweise einfangen.
Das Sekundanten-Team Anands für 2008 bis 2012 bildeten Peter Heine Nielsen, Rustam Kazimdzhanov, Surya Ganguly und Radoslaw Wojtaszek. Nicht wegzudenken aus dem organisatorischen Bereich Hans-Walter Schmitt. Lesen wir augenzwinkernd, wie gut sich Rustam vor dem Match gegen Kramnik ins Team einfügte:
"He (Nielsen) suggested we add Rustam, who had won the World Championship title from FIDE cycle in 2004, to the team. It was a good idea since we needed someone who had competed at a high level. Once we got together, I learnt that Rustam had another quality. Younger than me by 10 years, he was the guy who could give me the unvarnished hard truth about my game, crack a dirty joke and lighten the mood, and also deliver a pep talk when I doubted myself. Where Nielsen was more like to say, 'You'll be fine, don’t worry,' Rustam would put it as 'You'll kick his a** today' or direct at me a more-than-mild rebuke like 'show some b***s' if I began to have misgivings about my performance."
(Mind Master, S. 170)
Man kann sicherlich sagen, dass das Match gegen Kramnik Anands bester WM-Kampf war. Hier klappte einfach alles. Kramnik mit der Meraner Variante dynamisches Spiel aufzuzwingen, erschien im Vorfeld sicherlich riskant, ging aber voll auf. Die Schwarzsiege Anands in der 3. und insbesondere 5. Partie sind wunderschön und sicher vielen noch in Erinnerung. Anand stellte auch sein Weißrepertoire von 1.e4 auf 1.d4 komplett um und schreibt, wie ihn das Risiko, das damit zweifellos einher ging, inspirierte.
Als Kramnik zum ersten Sieg kam, war das Match praktisch schon vorbei. Ich war damals nicht in Bonn, aber wenige Kilometer entfernt auf der Spielemesse in Essen und dort wurde der WM-Kampf auch ausführlich gewürdigt.
Anand hatte nun nicht nur das WM-Turnier gewonnen, sondern auch ein Match in der klassischen Tradition der WM-Zweikämpfe und dies sehr souverän. Jetzt konnte wirklich niemand mehr an seiner Legitimation als Weltmeister zweifeln.
Das Buch beginnt übrigens vor der eigentlichen chronologischen Erzählung mit Tag 1 des WM-Kampfs in Bonn, als Anand sehr atmosphärisch schildert, wie er während der Taxi-Fahrt zur 1. Partie nervös wird und eine Variante noch einmal mit seinen Sekundanten durchgehen wollte. Die haben sich aber - wie vielfach üblich - zu Partiebeginn aufs Ohr gelegt, da sie oft lange bis in die Nacht gearbeitet haben. Kurzum: Niemand ist zu erreichen, aber letztlich hatte das keine Auswirkungen.
Zwei Jahre später stand der WM-Kampf gegen Topalov an, der nach Kasparovs Rückzug im Jahre 2005 eine Reihe bedeutender Erfolge vorzuweisen hatte, allen voran beim WM-Turnier in San Luis 2005, das er mit 1,5 Punkten Vorsprung gewann. 2006 gab es dann das skandalträchtige WM-Match gegen Kramnik, welches letzterer im Tiebreak für sich entschied.
Die Vorgeschichte zum WM-Kampf Topalov - Anand 2010 in Sofia liest sich wie ein Krimi und wird im Buch auch genauso spannend geschildert. Der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull legte den Flugverkehr in Europa lahm und plötzlich hatte Team Anand, das von Bad Soden aus starten wollte, aber noch in Europa verstreut war, ein riesiges logistisches Problem. Was ich bislang nicht wusste: Die Bulgaren zeigten sich in dieser ungewöhnlichen Situation alles andere als kooperativ und versuchten offenbar Nutzen aus der Lage zu ziehen:
"It didn't help that Topalov's team was anything but sympathetic of our bizarre circumstances. It may have been too much to hope that they wouldn't try to take advantage of our predicament, but we'd expected them to be at least moderately accommodating. Earlier, even as we were wondering how we'd reach Sofia, the Bulgarian sports minister had informed the local press that I had already arrived. Even as Aruna sat in the back seat of the van and called FIDE and the Indian Chess Association in turn, negotiating and seeking help on firming up the number of days of the postponement, there were news reports being run that we were luxuriating in the Bulgarian capital and simply giving the organizers a hard time with our story of being on the road."
(Mind Master, S. 190)
Schließlich kamen doch alle erst einmal mit diversen Zügen nach Deutschland und das Team war zumindest versammelt. Eric van Reem vermittelte nun einen Kontakt in die Niederlande und per Kleinbus begann ein Abenteuer über z. T. verwinkelte Straßen quer durch Mittel- und Osteuropa. Stoff für ein Roadmovie und definitiv einer der Höhepunkte des Buches. Es wurde bald beschlossen, dass eher keine Arbeitsatmosphäre aufkommen würde und die Herr-der-Ringe-Trilogie wurde treuer Begleiter von Team Anand bis zum Ziel Sofia.
Unterwegs gab es schaurig-lustige Begebenheiten wie die folgende:
"In Romania, the roads, filled with canyon-sized potholes, weren't well marked, so we had no idea where we were. Once we'd crossed the border into the country, we switched to watching the Lord of the Rings trilogy. We moved quickly from the Fellowship of the Rings to The Two Towers, stopping at intervals to pick up tasteless and cheap food from gas stations or for toilet breaks in their stinking, inhospitable loos.
We reached Calafat on the Bulgaria-Romania frontier and had another surprise in store - a ferry crossing. Bulgarian Policemen stopped us, took away the passports of the non-European passengers - Aruna's, Surya's and mine - and disappeared into the inky night. Their ferocious dogs hung around just outside our van, so we stayed put inside. They returned after 20 minutes and uneventfully let us pass.
We'd moved into the third and final part of the trilogy by now, but felt tired to the bone, sore from sitting in the bus and desperate to sink into our hotel beds. When we were close to Sofia, the police stopped us again, this time for overspeeding. One look at my passport, and the officer exclaimed, 'Ah, you're Vishy Anand? You are the guy, we are searching for; please don't drive as fast as you play!'"
(Mind Master, S. 195)
Vermutlich war Vishy nicht der Fahrer ... Fun Fact: Nach der schier unendlichen Tour gab es am Ende in Sofia noch eine kleine Ehrenrunde, weil der treue Begleiter "Herr der Ringe" noch einige wenige Minuten Laufzeit übrig hatte. Soviel Zeit muss sein. Aber ich habe schon immer gesagt, dass "Die Rückkehr des Königs" zu viele Enden hat.
Das Match gegen Topalov erwies sich auch deshalb als schwierig, weil Gerüchte über einen Super-Computer im Umlauf waren, zu dem die Bulgaren Zugang hätten. Vishy verfolgte auch hier einen pragmatischen Ansatz, da er ohnehin keinen Einfluss darauf nehmen konnte. Varianten wurden im Vorfeld etwas intensiver geprüft, aber letztlich muss man seinem Repertoire vertrauen und kann nicht gegen ein Heer Geister ankämpfen. Am Ende stellte sich heraus, dass die Schachsoftware und der Supercomputer nicht ideal zusammen arbeiten konnten. Dennoch: Vieles lief unrund im Vergleich zum Kramnik-Match. Anand verlor die erste Partie in einem Grünfeld-Inder sehr schnell, weil er die Vorbereitung verwechselte.
Das Match ist dadurch bekannt, dass Team Anand dem Super-Computer geballte menschliche Kompetenz gegenüber stellte. Entweder war Topalov nach Elista 2006 nicht sehr beliebt oder Vishy sehr populär oder beides. Carlsen diente Anand als Sparringspartner und Kasparov gab wertvolle Ratschläge zur Match-Strategie allgemein. Im laufenden Match bot auch Kramnik seine Hilfe an, nachdem er feststellte, dass Anand so spielen wolle wie er (sein Repertoire), ihn aber nicht gut kopierte. Die Offerte wurde akzeptiert.
Nach einigem Auf und Ab stand es vor der letzten klassischen Partie (Topalov mit Weiß) unentschieden und eine neue Eröffnung für die 12. Begegnung wurde gesucht. Am Ende entschied sich das Team für das Abgelehnte Damengambit. Die überaus spannende Geschichte der Entscheidungsfindung und Analyse, die die ganze Nacht andauerte, schildern das Buch und ergänzend der Podcast mit Peter Heine Nielsen sehr anschaulich. Auch Luke McShane spielte kurz vor Morgengrauen eine wichtige Rolle, als er ein entscheidendes Loch fixen konnte. Topalov überzog bekanntlich diese Partie und verlor damit das Match. Vielfach wurde spekuliert, dass er dem Schnellschach-Tiebreak unbedingt aus dem Weg gehen wollte.
Gerade weil nicht alles glatt lief, zeigte sich Anand rückblickend im Buch sehr zufrieden - vor allem mit dem Teamwork. Und wir erleben wieder Anands (Ninans?) poetische Ader:
"What worked most effectively for us was the team's ability and willingness to be flexible. They responded to the sudden turns of events - from a volcanic ash cloud and the disruption of travel plans to the rumours of the 'super' weapon in opponent's hands - with minimum fuss and maximum practicality. None of these developments or events affected any of us gravely and we managed to find a good rhythm, an even mix of fatalism and positive energy, and just motored on with the things we could control. We had to switch directions quite violently a couple of times during the match, but that didn't throw off the team. They were even willing to explore wholly new terrain and see it through its implementation.
...
By the end, I felt like the gun-toting, zinger-spouting hero from my favourite Terminator movie, mouthing, 'Hasta la vista baby,' with swagger and finality.'"
(Mind Master, S. 195)
Das Match 2012 in Moskau gegen Boris Gelfand lieferte keinen Stoff für Skandale. Zu Gelfand unterhielt Anand freundschaftliche Beziehungen - und das hat sich durch das Match auch nicht geändert. Allerdings war Vishy in einer sportlichen und schöpferischen Krise und die Vorbereitung lief auch diesmal nicht besonders rund bzw. vielfach ins Leere. Auch weil sich Gelfand fast komplett neu erfand.
Nach sechs Auftaktremisen gewann Gelfand die 7. Partie und Vishy bezeichnete es im Buch als großen Glücksfall, dass er unmittelbar in der 8. Partie zurückschlagen konnte. Am Ende gewann er den Tiebreak - eine schwer erkämpfte Titelverteidigung.
Nur ein Jahr später folgte erneut ein WM-Match - diesmal gegen einen hungrigen Magnus Carlsen, der sich in einem dramatischen Kandidatenturnier in London nach Wertung vor Kramnik durchgesetzt hatte. Obwohl Vishy Anfang des Jahres eine der schönsten Partien seiner Karriere gelang, war die sportliche Krise noch nicht überwunden. Zudem führt er aus, dass er erstmals auf einen deutlich jüngeren Kontrahenten traf. Schließlich war der Druck im heimischen Chennai (früher Madras) sehr groß und Carlsen verstand es, Anand seinen Stil aufzuzwingen. Als ob dies alles nicht genug wäre, musste Vishy notgedrungen Veränderungen im Team vornehmen. Nielsen suchte im Team Carlsen neue Perspektiven (sicherte aber für das Match Carlsen - Anand Neutralität zu) und Kazimdzhanov fühlte sich ausgebrannt. Auch wenn Anand das in seinem Buch philosophisch gelassen nimmt, war es m. E. (zusätzlich zu Anands eigener Verunsicherung bezüglich seiner Form) ein enormer Schlag, der das Team zweier Säulen beraubte.
Die Rahmenbedingungen schildert Vishy so plastisch, dass ich um weitere Zitate nicht herum komme.
"In chess a crisis of confidence feeds off a cycle of doubtful and bad results, until at the board you don't believe in yourself any more, begin hesitating over everything, stop taking risks altogether and take decisions that are not sound.
Around the time I played Carlsen at the 2013 championship, I was close to that situation. I was pretty confident I could draw a game against anyone, but simply had no faith in my ability to beat an opponent. I feared I would overlook something or they would somehow get away with their moves and I wouldn't be able to counter them.
...
I was simply a shadow of the player I had been in 2008. It's a hard feeling to wake up to; nothing short of a living nightmare. If anything, Carlsen was at the other end of the spectrum. He was peaking. I was rated 70 points below him, and I was supposedly the reigning World Champion.
...
I was aware of the talk that suffused the match - that Carlsen intimidated me. It was something even Kramnik brought up with me before the match. What I didn't tell him was that it wasn't just Carlsen. I felt intimidated at the thought of playing almost anyone then."
(Mind Master, S. 228, 233, 238)
Anand verlor das Match chancenlos mit 3,5:6,5 ohne Partiegewinn.
Nach der Niederlage war er (anders als nach heutigen Regularien) für das kommende Kandidatenturnier automatisch qualifiziert, zögerte aber mit einer Zusage. U. a. Kramnik überredete ihn, da er nichts zu verlieren habe.
Schließlich nahm er teil, betrachtete sich aber selbst wie wohl die restliche Schachwelt als Außenseiter. Das hielt Anand jedoch nicht davon ab, das Turnier mit einem Punkt Vorsprung vor Sergey Karjakin zu gewinnen.
Das zweite WM-Match verlief spannender als ein Jahr zuvor. Nach einer Niederlage in der 2. Partie konnte Anand unmittelbar zurückschlagen. Dann kam die schicksalhafte 6. Partie. Carlsen unterlief ein grober Fehler, aber Anand spielte zu schnell und nutzte die Gelegenheit nicht. Unmittelbar nachdem Anand die Uhr gedrückt hatte, ließ Carlsen sein Gegenüber durch entsprechende Mimik und Gestik unmissverständlich wissen, dass er soeben eine goldene Chance ausgelassen hatte (Anand geht darauf im Buch nicht ein). Dies hatte den gewünschten psychologischen Effekt: Carlsen gewann die Partie und das Match.
Die erfolgreiche Karriere Anands war damit allerdings noch nicht beendet. So gewann er 2017 vor der versammelten Weltelite die Schnellschach-WM im Alter von 48 Jahren. Es folgen noch viele Schilderungen und Insider-Betrachtungen sowie weitere Erfolge.
Anand kommt im Buch so rüber, wie man ihn aus Interviews, Live-Übertragungen etc. kennt: bescheiden, aber kompetent - darüber hinaus aber auch z. T. sehr emotional und offen. Dazu gesellt sich gelegentlich eine Prise Humor.
Spätestens, wenn die Schilderung des Matches gegen Kasparov beginnt, könnte man das Buch auf einen Rutsch weglesen. Allen, die keine kommentierten Partien erwarten, kann ich es uneingeschränkt empfehlen.
Wer kommentierte WM-Partien sucht, dem sei ergänzend zu "The Anand Files" geraten. Es werden wie gesagt nur die drei Matches gegen Kramnik, Topalov und Gelfand betrachtet - dafür aber ausführlicher als in "Mind Master".
Reyk Schäfer
PS: In "Schach" 12/2020 gibt es eine weitere ausführliche Rezension von Frank Zeller. Ich habe sie bewusst erst (wieder) gelesen, als mein Text fertig war.
Zeller wählt einen etwas anderen Ansatz. Die Rezension erstreckt sich zwar auch über 5 Heftseiten (inkl. Bilder), wirkt aber dennoch kompakter. Zeller lässt den einen oder anderen schachhistorischen Schnörkel weg und zitiert meist indirekt. Er erwähnt auch einige Details, die in meinem Text nicht vorkommen (und umgekehrt).
Sein Fazit ist ebenso uneingeschränkt positiv.
Quellen
Online-Texte (per 05.01.2026)
Audio/Podcasts
- Perpetual Chess Podcast 165: Vishy Anand über Mind Master u. a.
- Perpetual Chess Podcast 174: Rustam Kazimdzhanov
- Perpetual Chess Podcast 177: Peter Heine Nielsen über die Vorbereitung zur 12. WM-Partie gegen Topalov
- Perpetual Chess Podcast 288: Peter Heine Nielsen über die Vorbereitung zum WM-Match gegen Gelfand
- Perpetual Chess Podcast 354: Stjepan Tomic über das Projekt Chessreads
Videos
Bücher/Zeitschriften
- Michiel Abeln: "The Anand Files"; Quality Chess 2019
- Viswanathan Anand: "Mind Master - Winning Lessons from a Champion's Life"; Hachette India 2019
(alle Buchzitate stammen aus der Hardcover-Version) - Zeller, Frank: "1x Welt-, 2 x Spitzenklasse"; Rezension "Mind Master"; "Schach" 12/2020, S. 52
Bildquellen (in der Reihenfolge der Verwendung)
- Cover Michiel Abeln: "The Anand Files"; Quality Chess 2019, Viswanathan Anand: "Mind Master - Winning Lessons from a Champion's Life"; Hachette India 2019 - eigener Bestand
- Anand 1992: Wikipedia; Anand at the Manila 1992 Olympiad, aged 22
- Anand 2007, Wikipedia: Stefan64 - Self-photographed
- WM-Match vs. Kasparov 1995, Wikipedia: In 1995, Anand faced Garry Kasparov for the world championship in a match held at the World Trade Center.; Copyright 2007, S.M.S.I., Inc. - Owen Williams, The Kasparov Agency.
- Anand 2008, Wikipedia: The President, Smt. Pratibha Devisingh Patil presenting the Padma Vibhushan to Shri Viswanathan Anand, at Rashtrapati Bhavan, in 2008; President's Secretariat (GODL-India)
- Viswanathan Anand and Vladimir Kramnik, Bonn 2008;; Ygrek - Own work.
- Topalov 2013; Wikipedia: GM Veselin Topalov, European Chess Team Championship Warsaw 2013; This photo was taken by Przemyslaw Jahr
- Gelfand 2012; Wikipedia: Boris Gelfand, chess grandmaster from Israel; Stefan64 - Own work
- Carlsen 2013; Wikipedia: Carlsen in play during round seven of the 75th Tata Steel, 2013; Frans Peeters; Flikr page
- Anand 2016, Wikipedia: Wolfgang Jekel - London_Chess_Classic_2016_Day5-2; Flickr
