Bericht aus Berlin(-Kreuzberg): Ein Trip ins Spektakel namens 2. Frauenbundesliga Ost
Wer in der Schachwelt etwas erleben will, muss manchmal einfach bierselige Angebote in Kneipen annehmen und freitagabends am Flughafen in Kleinbusse steigen. Natürlich ohne zu wissen, wohin genau es geht und was einen dort erwartet – aber das versteht sich bei diesem Einstieg von selbst. Unsere bunte Kneipenschachtruppe aus Friedrichshain und Kreuzberg rund um Micha Strache und Bekka Schuster ist allerdings eigentlich vertrauenswürdig und eher für lustige Schachevents als für wilde Entführungsgeschichten bekannt. Also verließ sich der Kreuzberger Autor dieser Zeilen auf den bewährten Fahrservice von Chevaliere, ließ sich auf den Spaß ein – und wurde mit einem Blitzturnier und einer spannenden Runde 2. Frauenbundesliga belohnt.
Erste Station war das traditionelle Löberitzer Nachtblitz zum Tag der Deutschen Einheit. Die am Flughafen eingesammelten Löberitzer Lettinnen (oder lettischen Löberitzerinnen?) Dana, Laura, Ilze und Agnesa waren sichtlich müde – ob von der Anreise oder noch von der Olympiade und ihrem spektakulären Sieg über das nominell stärkere deutsche Frauenteam, blieb ungeklärt. Ohne Inkrement wurde gepatzt, gezittert und aufs Blättchen gestarrt: Das fast vergessene Gefühl, nicht zu wissen, ob noch 5 oder 25 Sekunden bleiben, kennt man im modernen Schnellschach kaum noch. Die Damen dominierten trotzdem und räumten die vorderen Plätze ab, bevor es hurtig ins Bett ging. Schließlich stand am nächsten Tag, nach ausführlicher kulinarischer Vorbereitung, der erste Kampf der Saison an.
Die Anfahrt zum Gastgeber Merseburg war kurz. Gegner war Medizin Erfurt, auf dem Papier im Schnitt rund 230 Elo-Punkte schwächer, aber gespielt wird bekanntlich nicht auf dem Papier. An den Brettern 5 und 6 komplettierten Elina und Alina die Mannschaft, dazu kam eine stattliche Fanschar. Da der Autor in Unkenntnis der traditionellen Gepflogenheiten nicht kurz nach Rundenbeginn in die Kneipe gewandert war, folgt nun ein Spielbericht. Wie andere ZuschauerInnen während und nach der Runde mehrfach korrekt feststellten, halten seine Einschätzungen nicht immer der Engine stand – alle Angaben also wie beim Lotto ohne Gewähr.
An Brett 1 eröffnete Dana mit Schwarz mit einem hypermodernen Doppelfianchetto. Nach der langen Rochade ihrer Gegnerin stand Dana etwas gedrückt, fand aber Gegenspiel. Dann leitete Weiß nach langem Grübeln in ein Endspiel mit spannender Materialverteilung über: Dana mit allen vier Leichtfiguren gegen Turm, Läufer und Springer. Das klingt nach einer Übermacht für Schwarz, bis man die Bauern zählt. Ein aktiver Turm mit drei Bauern im Rücken kann durchaus Schaden anrichten, und so verbrachte Danas König den Rest der Partie als Türsteher für die Einstiegsfelder auf der 7. Reihe. Nach dreifacher Stellungswiederholung stand das erste Ergebnis fest: Remis, und für so ungleiches Material erstaunlich früh.
Brett 3 lieferte die Kuriosität des Tages. Ilze arbeitete mit Schwarz lange gegen einen kleinen, aber zähen Eröffnungsvorteil an. Ihre Gegnerin tauschte fleißig ab und nahm sich dabei viel Zeit. Mehr Zeit, als sie hatte, wie sich zeigen sollte. Nach einem gescheiterten Angriff auf Ilzes König standen eigentlich Damentausch und Endspiel an, doch da reichten sich beide plötzlich die Hand. Remis? Die Stellung hätte es hergegeben, auch wenn Ilze mit Springer gegen Läufer sicher noch lange weitergeknetet hätte. Tatsächlich aber hatte die Erfurterin schlicht ihre Uhr vergessen und zu spät gedrückt. Ups. Kein schöner Punkt, aber er zählt.
An Brett 2 ließ Laura es in der Eröffnung ruhig angehen und wartete ab, ob ihre Gegnerin einen Plan finden würde. Die suchte sichtbar nach Ideen. Als sich die Stellung dann öffnete, standen Lauras Bauern auf d5 und e5 wie eine Wand, die vom Doppelfianchetto des Läuferpaars (Brett 1 lässt grüßen) dahinter bestens abgesichert wurden. Die Gegnerin wehrte sich tapfer gegen den resultierenden Königsangriff, doch der Punktgewinn war nicht mehr aufzuhalten. Zur Zeitkontrolle stand es damit 2½:½. War das Match an den oberen drei Brettern schon vorentschieden?
Noch nicht ganz, denn Erfurt schlug zurück. Agnesa und ihre Gegnerin lieferten sich an Brett 4 ein feines Strategieduell, und beim Übergang ins damenlose Mittelspiel sah zunächst alles gut für Agnesa aus. Drei von vier verbliebenen schwarzen Figuren standen da wie festgeschweißt und konnten sich schlicht nicht mehr bewegen. Also ging Schwarz den einzig verbliebenen Weg und setzte die Bauern gegen den weißen König in Marsch. Agnesa parierte kreativ, setzte dann aber alles auf eine Karte, ihren starken Freibauern auf der f-Linie. Der Preis dafür war aber ein schwarzer Turm, der es sich auf der 2. Reihe gemütlich machte und nicht nur Bauern fraß, sondern im entscheidenden Moment auch Agensas Freibauern entschärfte. Das Turmendspiel war vielleicht noch zu halten, doch nach einem letzten Fehler sammelte die Erfurterin mit ihrem Bauernüberschuss ihren hartumkämpften Punkt ein. Zwischenstand: 2½:1½.
Sollte es doch noch spannend werden? Zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Kurz nach der Eröffnung hätte das emotional beteiligte Publikum (= der Autor) allerdings ordentlich Angst bekommen können, vor allem bei Betrachtung von Brett 6. Alina verblitzte sich dort mit Weiß in der Eröffnung und stand nach wenigen Zügen zumindest kurz praktisch auf Verlust. Doch Schach kann auch verzeihen: Ihre Gegnerin griff mit einem heftigen Patzer daneben, und plötzlich hatte Alina alle Chancen und sogar einen Mehrbauern. Den gab sie nicht mehr her, löste alle Probleme, die ihr gestellt wurden, und schob ein langes, aber risikofreies Turmendspiel mit zwei Mehrbauern nach Hause. Mit dem 3½:1½ war der erste "Pflichtsieg" der Saison gesichert.
Blieb Brett 5, wo Elina als einzige Löberitzerin der Elo nach nicht Favoritin war, sich davon aber wenig beeindrucken ließ. Mit Schwarz nahm sie früh einen Bauern und lud Weiß ein, die Kompensation dafür doch bitte zu zeigen. Doch die Kompensation löste sich schnell ins Nichts auf: Statt eigener Initiative musste Weiß nach und nach sogar aktives schwarzes Spiel am Damenflügel zulassen. Mit stark reduziertem Material wob Elina schließlich ein Netz aus Mattdrohungen, gewann eine Figur und setzte nach langer Partie den Schlusspunkt zum 4½:1½.
Beim anschließenden Abendessen analysierte der inzwischen angereiste "Praktikant des Cheftrainers" (Micha) fleißig die feineren Winkelzüge einiger Partien, und der erste Saisonsieg wurde gebührend gefeiert. Die Exzesse hielten sich allerdings in Grenzen, denn am nächsten Tag wartete mit Chemnitz schon einer der wichtigsten Kämpfe der Saison. Von diesem triumphalen Sieg mit all seinen Höhen und Tiefen müssen aber andere berichten, denn ein gewisser Kreuzberger Beobachter hatte am Sonntagmorgen noch eine Partie in der Berliner Landesliga zu verlieren. Die Moral von der Geschichte: Wer bierselige Kneipenangebote annimmt wird mit Blitzschach um Mitternacht, lettischer Meisterinnenkunst und einem Sieg zum Saisonauftakt belohnt. Nur wird das eigene Schach vom Zuschauen allein leider nicht unbedingt besser.
Constantin
| SG 1871 Löberitz | SV Medizin Erfurt | 4,5:1,5 | |
|---|---|---|---|
| 1 | WGM Reizniece, Dana | WFM Müller-Ludwig, Kristin | ½ |
| 2 | WGM Rogule, Laura | Nguyen, Ha Thanh | 1-0 |
| 3 | WGM Bērziņa, Ilze | Ulrich, Helena Irene | 1-0 |
| 4 | WIM Ter-Avetisjana, Agnesa Stepania | WFM Troyke, Doreen | 0-1 |
| 5 | WFM Otikova, Elina | Umpfenbach, Carolin | 1-0 |
| 6 | CM Fichte-Rath, Alina | Rösler, Hannah Clara | 1-0 |
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