Bauernendspiele

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In Schach 11/2015 schildert Ilja Schneider seine Remispartie gegen Vishy Anand, die in nachstehendes Bauernendspiel mündete. Einen Monat später meldete sich Endspielexperte Karten Müller mit einem Leserbrief zu Wort und wies auf einen Fehler in der Analyse hin. Ich denke, dass er die zugrunde liegende Theorie über Festungen und wandernde Quadrate einfach wusste und nicht groß rechnen musste. Jedenfalls hat mich seine Antwort motiviert, noch etwas mehr Material zu sammeln.

Zunächst zu den wandernden (oder gemeinsamen) Quadraten aus Sicht des Verteidigers. Hier kommt Material aus dem C-Trainer-Lehrgang vom Wochenende zum Einsatz, das zwar wie Basiswissen klingt, in dieser Form aber dennoch neu für mich war. Die isolierten gegnerischen Freibauern bilden ein gemeinsames Quadrat. Hat dieses die Grundreihe erreicht, kann der König sie nicht aufhalten. Sie gewinnen ohne Unterstützung ihres Königs (Stellung 1).

1) Schwarz gewinnt 2) Remis
3) Weiß gewinnt 4) Remis

Interessant wird es, wenn das gemeinsame Quadrat der Bauern nicht die Grundreihe erreicht (Stellung 2-4). Dann ist wichtig, wie weit die Freibauern vertikal voneinander entfernt sind. Und hier spielt die trickreiche Geometrie des Schachbretts unserer Intuition mal wieder einen Streich (nicht nur bei Reti!). Man würde annehmen: je weiter die Entfernung desto besser. Dem ist jedoch nicht so. Der Trick besteht darin, dass der König bei kurzen Entfernungen einen der Bauern frontal attackiert, damit den Kollegen zum Vorrücken zwingt und diesen dann wirksam von der Seite angreift. Sind die beiden Bauern nur durch eine Linie getrennt, schützen sie sich immer gegenseitig vor dem seitlichen Angriff. Nicht so bei zwei Linien Abstand! Hier gewinnt der König, wenn das Quadrat der Bauern die Grundreihe nicht erreicht hat. Bei größeren Abständen ist die Stellung wiederum remis, wenn das Quadrat die Grundreihe nicht erreicht hat. Der König darf hier keinem der Bauern zu nahe kommen - beide Monarchen können nur noch pendeln.

Nun zu den Analysen in Schach 11/15 (Schneider) und Schach 12/15 (Müller). Neben dem o. g. Basiswissen wird Karsten Müller auch eine von 8 Festungen sofort erkannt haben, die er in Müller/Lamprecht: Secrets of pawn endings aufzählt.

Ilja Schneider (2591) - Viswanathan Anand (2791)

Blitz-WM Berlin 2015


1. Kb4 e4?

Schneider gibt nun zwar an, dass stattdessen 1...g4 oder 1...f4 gewinnt, meint aber auch, dass Schwarz im nächsten Zug mit 2...f4 immer noch hätte gewinnen können. Müller wies nach, dass 1...e4 der entscheidende Fehler war.

2. fxe4 fxe4

2... f4 3. Kc4 g4 4. Kd4 h4 5. e5 f3 An dieser Stelle laufen Schneiders und Müllers Analysen auseinander. Mein Rechner gibt hier interessanterweise noch schwarzen Vorteil. Nicht aber, wenn man ein paar Züge weiter springt und dann rückwärts zu dieser Stellung analysiert ... 6. gxf3?? (Schneider)(6. Ke3! (Müller) 6... fxg2 7. Kf2










7... Kxc5 (7... h3 8. e6 Das gemeinsame Quadrat der Bauern erreicht nicht die Grundreihe, aber es besteht nur eine Linie Abstand zwischen den Bauern. Diese halten also ohne den König remis.) 8. Kxg2 Kd5 Müller: "Und nun errichtet 9. h3 g3 10. Kf3 "eine Festung." 10... Kxe5 11. Kg2 Kf4 12. Kg1 Kf3 13. Kh1) 6... g3 7. hxg3 h3-+

3. Kc4 e3 4. Kd3 Kxc5 5. Kxe3 1/2-1/2

Zu sorglos darf man die Festung als Verteidiger jedoch nicht anpeilen.


Roland Rümmler (1975) - Elina Otikova [D01]

VL 2014_2015 (7.4) 2015


62... Ke5 63. h3??

Weiß wird zwar nicht ohne diesen Zug auskommen, aber hier ist er zu früh. Der schwarze g-Bauer steht noch nicht auf g4 und es gibt keine Pattmotive.

63. Ke3 g4 64. Kf2 Kf4 65. Kg2 h4 66. Kg1 Kf3 67. Kh1 Kf2 68. h3=

63... Kd4 64. Kf2 Ke4 65. Kg2 Kf4 66. Kf2 h4 0-1

Wiedererkennungswert hatten die Festungen für mich durch die folgende Studie, mit der Stefan Kindermann 2002 für Aufsehen sorgte. Er gewann als Newcomer auf diesem Gebiet den Studienwettbewerb gegen 95 anerkannte Kollegen. Das ging nicht ohne Abenteuer ab, denn seine ursprüngliche Fassung war fehlerhaft.
Die Studie ist auch heute noch eine harte Nuss für Schachprogramme. Leider finde ich meine zeitgenössischen Aufzeichnungen von damals nicht mehr. Ich meine mich aber zu erinnern, dass diese spezielle Form der Festung damals neu war.


Stefan Kindermann - Remis

Studienturnier Jan Timman 50 2002, 1. Preis


1. Txf4

1. Sf7+? Kg7!-+ (1... Lxf7 2. Te8+!)

1... e2 2. Sf3!

2. Txh4+? hebt das Patt auf, ohne dass Weiß eine wirksame Festung errichten kann. 2... Lh7 3. Sf3 Txf3 4. gxf3 e1=D-+

2... Txf3

2... Ld5 Mein altes Stockfish zeigt auch hier noch astronomische Werte für Schwarz. Er hat die Festung nicht verstanden! 3. Tf8+ Kg7 4. Te8 Lxf3 5. Txe2 Txg1+ 6. Kxg1 Lxe2 und Schwarz kann nicht gewinnen.

3. Txf3 e1=D 4. Tf7!!










mit der Drohung Th7+ und Patt. Die Dame muss wegen Ld4+ auf der Grundreihe bleiben ...

4... Db1

4... De4 5. Ld4+ Dxd4 6. Th7+

5. Th7+!

Trotzdem! Wie gesagt: Stockfish pendelt zwischen -6 und -10 ...

5... Dxh7 6. Ld4+ Dg7 7. Lxg7+ Kxg7 8. Kg1










und Weiß hat wieder die thematische Festung. Es wäre interessant zu wissen, wie die stärksten Schachprogramme diese Stellung an der Schwelle zu den Endspieldatenbanken bewerten (m. W. gibt es Siebensteiner-Datenbanken noch nicht komplett, zumindest nicht mit herkömmlicher Hardware). Ich denke, sie hätten nach wie vor Probleme, diese Stellung korrekt zu bewerten. Alle möglichen Läuferopfer führen wieder geradewegs in unsere Bauernendspielfestung.

1/2-1/2

Zu den 7-Steiner-Datenbanken erreichte uns eine Ergänzung von Robert Offinger, Passau. Viele werden ihn sicher noch aus seiner Zeit bei AEM kennen. Hier Roberts Anmerkungen:

Zur Aussage "m. W. gibt es Siebensteiner-Datenbanken noch nicht komplett, zumindest nicht mit herkömmlicher Hardware" reizt mich eine kleine Ergänzung, nachdem ich letztes Jahr auf der A-Trainertagung u.a. darüber berichtet habe.
Zum einen kann man bei ChessOK die Lomonosov Tablebases abfragen, wenn man Aquarium oder Chess Assistant hat. Ferner gibt es auch eine freie Android-App.

Es ist zwar richtig, dass es nicht alle 7-Steiner in der Lomonosov Tablebase bei ChessOK sind, sondern nur alles 4 vs. 3 und 5 vs. 2, was interessant ist.

Eine andere Möglichkeit ist es, die entsprechende Stellung selber zu berechnen! Hierzu gibt es z.B. FinalGen

Ich habe mir also 6b1/6k1/8/8/7p/6pP/6P1/6K1 b - - (die Kindermann-Stellung, die Red.) selber berechnet, das hat auf meinem Billig-Notebook 78s gedauert. (Ergebnis natürlich remis)

PS: Nett ist z.B. die Berechnung des 10-Steiners auf der Seite von FinalGen.

Quellen

  1. Keilhack, Harald; Ein vielseitiger Großmeister; 2002
  2. Müller, Karsten; Leserbrief; Zeitschrift Schach, Excelsior-Verlag; Ausgabe 12/2015
  3. Müller, Karsten/Lamprecht, Frank; Secrets of pawn endings; Verlag Gambit 2008
  4. Schneider, Ilja; Plankton; Zeitschrift Schach, Excelsior-Verlag; Ausgabe 11/2015

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