Mit Jan Timman verliert das Schach wiederum - wie mehrfach in letzter Zeit - einen ganz Großen. Er war als Spieler, Autor, Studienkomponist und Redakteur eine Legende und bei seinem großen schachlichen Output spürte man in jeder Pore eine unbändige Liebe zum königlichen Spiel.
Er gehörte dem berühmten 51er Jahrgang an, der solche Größen wie Karpov, Andersson, Vaganian hervor brachte. Ende der 70er/Anfang der 80er war er bereits sehr stark und 1982 für kurze Zeit Nummer 2 der Weltrangliste, ehe Kasparovs Stärke zur vollen Geltung kam. Er war stolz darauf, "Best of the West" genannt zu werden. Leider verpasste er sowohl 1979 als auch 1982 beim Interzonenturnier die Qualifikation für die Kandidaten-Matches. Dies wäre die Chance gewesen, noch vor Kasparovs Aufstieg ein WM-Match gegen Karpov zu spielen. Timmans Einschätzung war, dass er gegen Karpov wesentlich besser zurecht kam als später gegen Kasparov. Dennoch hatte er gegen beide einen deutlich negativen Score. Gegen Karpov führte er das auf viele vergebene Chancen zurück. Er bestritt gegen ihn zwei sehr wichtige Matches - allerdings bereits in den 90er Jahren mit Anfang 40.
Zunächst das Kandidatenfinale in Kuala Lumpur, das er mit 2,5:6,5 verlor.
1993 profitierte er davon, dass Nigel Short und Garry Kasparov abtrünnig wurden und ihren WM-Kampf nicht unter Ägide der FIDE abhalten wollten. Als Verlierer des Kandidaten-Finals gegen Short kam Timman so zu einem weiteren FIDE-WM-Kampf gegen Anatoly Karpov. Dieser wurde in den Niederlanden und Indonesien ausgetragen. Das Endresultat von 12,5:8,5 entsprach exakt dem des "Jahrhunder-Matches" Fischer - Spassky. Timman bedauerte, hier zahlreiche gute Chancen ungenutzt gelassen zu haben.
Als Karpov mit Weiß nur noch ein Remis benötigte, gelang es Timman noch einmal zurück zu schlagen und das Match weiter offen zu halten.
Die Kommentare zu dieser Partie habe ich etwas gekürzt aus "Timman’s Triumphs" übernommen.
Anatoly Karpov (2760) - Jan H Timman (2620) [A33]
FIDE-Wch/NED/INA (20) 1993
1. Nf3 c5 2. c4 Nc6 3. Nc3 Nf6 4. d4 cxd4 5. Nxd4 e6 6. a3 Nxd4 7. Qxd4 b6
This system was recommended to me by Vlastimil Hort during our preparations for my Candidates Semifinal Match against Speelman in 1989. There were no databases yet, and therefore we didn't know that it had already been played in a game Haparta - Luckhaus, Würzburg 1987. I very much liked the idea of fianchettoing the queen's bishop, and I still regard it as the best method of solving Black's opening problems. Speelman didn't play this variation of the Symmetrical English against me, and that is why it took some time before Hort's system was introduced into Grandmaster practice. Only eighteen months later, Sax played it three times in his Candidates match against Kortchnoi. Where did the Hungarian grandmaster get the idea? He had also been present at the preparation session with Hort.
8. Bf4
This is also what Kortchnoi played in his first match game with Sax. It is remarkable that Karpov and Kortchnoi reacted in the same way at their first confrontation with this black system. In the later match games, Kortchnoi played 8.Qf4, and that has become the usual move. It was, for instance, played successfully by Kasparov against van Wely in Moscow, 2004. Still, I think that also here Black has nothing to fear.
8... Bc5 9. Qd2
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So far, the game is identical to the first match game Kortchnoi - Sax, with an unimportant difference in move order. It is not probable that Karpov knew about this, since he had already used oceans of time here. Moreover, the white position is not enviable, since he has trouble to further develop his kingside.
13... Re8!
Sax played 13... Ba6 here, and after 14. b3 withdrew the bishop again with 14... Bb7 Indeed, also here things are not easy for White, since he cannot develop further in a harmonious way. After a long think, I decided on this mysterious rook move, the points of which will become clear soon.
14. f3
Now that he no longer has the dark-squared bishop, White cannot sacrifice his g-pawn.
Karpov aims for an exchange of pieces, but thereby doesn't succeed in solving the problems of his position. The alternative was to immediately sacrifice the c-pawn with 16. e4 Incidentically, one of the points of Black's 13th move comes to light in that case. After 16... e5 White cannot protect the c-pawn. The damage for White is limited, however. After 17. Qe3 Bxc4 18. Bxc4 Rxc4 19.
16... Nxe4 17. Qxe4 Qc7 18. Bd3
A perfectly understandable move. Finally, White can develop his king's bishop, and at the same time attack the h-pawn. Who wouldn't do that? Nevertheless, also here tactical motifs prevail, as it turns out that the bishop does not stand well on d3.
A better defence was 18. b3 to meet a constructive waiting move like 18... g6 with 19. a4 Now, Black has no breaking moves for the time being, but he can keep a small advantage with 19... Bb7
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Absolutely necessary was 19.
19... d5!
Of course. This push is extra strong, because the black king's rook is already on e8, and the white bishop has been developed to d3.
Here, we see why the white bishop was not well positioned; he had to take back with the queen, and then the e-file is half-opened.
22.
22... Rc3 23. Qxd5 Rcxe3 24. Rd2 Qe7
Not only attacking the a-pawn, but also threatening to invade on e1.
25. Kg3
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25... Rxb3!
An elegant tactical finesse.
26. a4
26... Rb4 27. Rd4 Rxd4 28. Qxd4 Qg5+ 29. Kh3 Re2 30. Rg1 Qh5+ 31. Kg3 Qg5+ 32. Kh3 Rd2 33. Qc3 Ra2 34. Qd4 h6 35. Qc4 Qh5+ 36. Kg3 Qe5+ 37. Kh3 Rd2 38. Qh4 Qf5+ 39. Kg3 g5 40. Qxh6 Qf4+
The Indonesian audience gave me a thunderous applause. However, it didn't help me; I couldn't accomplish anything in the final game, and so the title went to Karpov.
0-1 [Jan Timman]
Er blieb lange ein aktiver und erfolgreicher Turnierspieler. Seine zahlreichen Turniererfolge werden in anderen Artikeln ausführlich gewürdigt. Herausragend jedoch sein Turniersieg beim Immopar Rapid, wo er Kamsky, Karpov, Anand und Kasparov ausschaltete.
Er war 9facher Meister der Niederlande. Eigenen Aussagen zufolge hinderten ihn die oft schlechten Konditionen und später dann die starke Konkurrenz (Giri, van Foreest) daran, erfolgreich Jagd auf Euwes Rekord (12 Titel) zu machen.
In den 2010er Jahren kam er auf verschiedene Weise in Berührung mit Sachsen-Anhalt und Löberitz. Beim Final Four im Deutschen Mannschaftspokal hatten sich neben den deutschen Spitzenteams OSG Baden Baden und SG Porz sensationellerweise auch Aufbau Elbe Magdeburg und die SG 1871 Löberitz qualifiziert. Für uns natürlich eine einmalige Gelegenheit und ein besonderes Erlebnis. AEM hatte die Ausrichtung übernommen.
Im Halbfinale kam es zu den Paarungen Löberitz - Baden Baden und AEM - Porz, wobei sich die klaren Favoriten jeweils mit 4:0 durchsetzten. Konrad berichtet aus Sicht eines Schlachtenbummlers.
Jan Timman spielte für die SG Porz und es kam zu einem sehenswerten Schlagabtausch mit Johannes Paul:
Jan H Timman (2600) - Johannes Paul (2252) [C06]
Deutsche Pokalendrunde (1.7) 2014
1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nd2 Nf6 4. e5 Nfd7 5. Bd3 c5 6. c3 Nc6 7. Ne2 cxd4 8. cxd4 f6 9. Nf4 Nxd4 10. Qh5+ Ke7 11. Ng6+ hxg6 12. exf6+
Jetzt hat Schwarz die Wahl und alle drei Schlagmöglichkeiten pegeln sich laut Stockfish bei 0.00 ein. Dass 12...S:f6 und das unnatürlich anmutende 12...K:f6 gleich gelistet werden, liegt wohl daran, dass Schwarz in beiden Varianten sofort ...Kf7 folgen lässt, um seine Koordination zu verbessern.
12... gxf6
Johannes wählt die wohl seltenste Variante - aber die Bauernmasse im Zentrum sieht beeindruckend aus und es ist eine äußerst spannende asymmetrische Stellung entstanden.
12... Nxf6 13. Qxh8 Kf7 14.
13. Qxh8 Ne5 14. Qh7+ Kd6 15. Bb1 g5 16.
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17. Rd1?!
Die Idee ist klar - es geht gegen den schwarzen König. Stockfish zeigt sich unbeeindruckt, aber am Brett gegen eine Legende ist das bestimmt sehr schwer.
Stockfish hält 17. Nb3 für vordringlich.
18... f5!
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um die weiße Idee zu verhindern, aber jetzt wird es extrem haarig und wohl nur noch für die Engine durchschaubar. 19. Nc4+! Den muss man erstmal sehen. 19... Nxc4 20. Bd3 Nxc1 21. Bxc4 Nxa2 22. Rxa2 a5 und bei reduziertem Angriffspotential hat Schwarz objektiv eine gute Stellung, aber praktisch bleibt es hochkompliziert.
19. Ne4+ Kc7 20. Rxc1+ Kb6 21. Nc3 Bd6 22. Qh3
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22... Qh8?
22... Qe7! gefolgt von ...a6/Ka7 war die Computer'sche Fluchtidee, die durchaus logisch aussieht.
23. Qe3+!
Diese Chance nutzt Timman sofort. Jetzt wird die eben beschriebene Fluchtroute abgeschnitten und für den schwarzen König bleibt es ungemütlich.
23... Ka6 24. h3 g4 25. Bd3+ b5
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25... Nxd3 26. Qxd3+ Kb6 27. Nxd5+!
26. Nxb5!
Ein Figurenopfer, dem noch ein Qualitätsopfer folgen wird. Hier ganz sicher schon bis zum Gewinn berechnet.
26... Bxb5 27. Bxb5+ Kxb5 28. a4+ Ka6 29. Qe2+ Nc4
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30. Rxc4! dxc4 31. Qxc4+ Kb7 32. Qb5+ Kc7 33. Rc1+ Kd8 34. Qc6 1-0 [Reyk Schäfer]
JP konnte sich noch gut an die Partie erinnern:
"Die konkrete Variante hatte ich zufällig erst kurz vor der Partie analysiert und konnte eine super Stellung aus der Eröffnung erzielen. Den Stärkeunterschied konnte man in der ungewöhnlichen Stellung jedoch sehen und meine Fehler wurden konsequent bestraft. Ich fand es toll, dass Timman hinterher bereit war die Partie mit mir zu analysieren. Dabei ist er mir als sympathischer Mensch in Erinnerung geblieben."
2016 dann luden wir Jan Timman nach Löberitz ein im Rahmen der Schachtage zum Ehrenpreisturnier. Da auch unser "Stammgast" Dr. Robert Hübner wieder mitspielte, war für eine starke Besetzung gesorgt. Gewonnen hat allerdings ein anderer: GM Alexander Naumann mit 4,5/5. Timman wurde mit 4/5 Zweiter.
Im Rahmen des Nachrufs für Dr. Robert Hübner vor noch nicht allzu langer Zeit erinnert sich Jan Timman in New in Chess 2/2025 an die Tage in Löberitz:
In 2016, I had a long conversation with Hübner for the last time. We were both playing in a small, informal tournament in the town of Löberitz in the east of Germany, while staying in a hotel in the nearby town of Zölbig (sic!). He gave me his latest book "Elemente einer Selbstbiographie" with the dedication 'in old friendship!'
...
One evening we were taking a long walk through the little town. Absolutely no one was stirring; there were no cafes and very few houses still had their lights on.
'I would be able to live here', Hübner observed. I understood him: he didn’t want to live in the countryside, but a quite little town with all amenities within walking distance was an ideal place to work undisturbed.
Seit einigen Jahren pflegte ich losen Mailverkehr mit Jan und wir tauschten uns auch über seine Löberitz-Erinnerungen aus. Dabei muss ich wohl erwähnt haben, dass im NiC-Beitrag aus unserem Dörfchen eine Stadt wurde. In seiner Antwort bekräftigte Jan noch einmal die guten Erinnerungen an Löberitz:
![]()
Dear Reyk,
I have good memories of Loberitz.
It was in fact invented by the translator that it was a town. I had written( in Dutch): "..het Oostduitse Loberitz".
Best regards,
Jan
Jans Verbindungen zu Löberitz schlagen gleich die Brücke zu seiner anderen großen Leidenschaft: Den Studien. Zahlreiche Bücher hat er zum Thema verfasst und natürlich auch viele, viele Studien. Jan war dabei Perfektionist. Oft brachte er verbesserte Fassungen eigener oder fremder Studien heraus. Und auch uns hat er ein Original zur Veröffentlichung gegeben. Dazu später mehr. Eine beeindruckende Version von ihm zu Lomans Zug hatte ich erst kürzlich im Rahmen der Oberliga-Partienauswahl veröffentlicht.
Er liebte es auch, bestehenden Motiven noch einmal eine extra Note zu verleihen. Durch zusätzliche Manöver oder dadurch, dass z. B. eine Leichtfigur statt eines Turms ein typisches Manöver ausführt.
Er liebte aber auch ganz einfache Studien. Davon konnte ich mich bei einem Besuch des Max-Euwe-Zentrums in Amsterdam 2024 überzeugen. Dort erfährt man viel über die Geschichte des Schachs in unserem Nachbarland, es gibt eine große Bibliothek und schließlich wird auch viel gespielt. Zu einer persönlichen Begegnung mit Jan kam es leider nicht. Er wohnte bereits nicht mehr in Amsterdam. Aber gelegentlich sandte er wie hier Studiengrüße, die an die Besucher weitergegeben wurden.
Timman schrieb später, dass er erst durch die Möglichkeiten der Engines tiefer in das Komponieren von Studien eingestiegen ist. Er war jedoch bereits in den 70er/80er Jahren als Komponist aktiv. Nachfolgend zwei Stücke aus seiner Anfangszeit, die er später verfeinert hat.
Jan H Timman
Hollands Diep 1971
This is one of my first studies. In the original version, the white bishop stood on g7 and the black king on e2. This version is better - a little richer in content. The idea behind the study is an attractive 'switchback', only I didn't know at the time that that was the name for this manoeuvre.
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The alternative 1... Kf1 is also insufficient in view of 2. f4! Kxg1 3. Kf5 Kxh2 4. Bd4 g3 5. Kg4 and White wins; his king approaches from the rear. This variation was found by my friend IM Rob Hartoch (1947-2009).
2. Nh3+!
This is what it's all about: the switchback. White forces the hindmost g-pawn to move to h3 in order to win the pawn ending later on.
2... gxh3
Black could have prevented the white king from moving to f4 with 2... Kf3 , but then White wins with 3. Kf5! gxh3 4. Bd4
3. Kf4 g1=Q 4. Bd4+ Kg2 5. Bxg1 Kxg1 6. Kg3
Now that the black pawn is on h3, the pawn ending is won. The black king is shouldered off.
1-0 [Jan Timman]Jan H Timman
Chess Life 1981
For many years, Pal Benko (1929-2020), the renowned American grandmaster and endgame study composer, had a column about endgame studies in "Chess Life". When that magazine merged with "Chess Review", Benko kept his column. We regularly met during tournaments, showing our studies to each other. I must have shown this one to him during the La Valetta Olympiad in 1980. This is a compressed version of it. In the starting position, two of White's pieces are under attack. How can he save himself?
1. Rf5+! Kxf5 2. Bc2 Ke4 3. Kb2
The alternative 3. Kb1 is insufficient as 3... Ba3! puts White in a lethal zugzwang. If 4. Ka2 Bb4 wins
Mutual zugzwang; Black has to abandon his control of the c1-square.
Now White leisurely forces stalemate.
What else?
Die Schlussstellung erinnert an das Finale von Stremavicius - So beim Weltcup. Wir haben es ausführlich hier besprochen.
Noch einmal in Kurzform:
Titas Stremavicius (2531) - Wesley So (2756) [D35]
FIDE World Cup 2025/Goa, India (10.5) 2025
2021 veranstaltete Judit Polgar einen Studienwettbewerb im Gedenken an Pal Benko, der im Jahr zuvor verstorben war. Jan Timman belegte im illustren Feld den 6. Platz. Im Video (siehe Quellen) kommentieren Judit und John Nunn Jans Beitrag, den ich sehr beeindruckend finde. Gemäß einer Idee von Judit steige ich hier etwas später ein, wenn Weiß einen wirklich erstaunlichen Zug finden muss. Das Video enthält die komplette Studie.
Jan H Timman
Chess Artistry Competition in memory of Pal Benko 2021 (Ausschnitt)
1. Rg2!!
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Was für ein Zug! Der erste h-Bauer wird abgelenkt und kann nicht länger den Lg1 decken. Judit gefiel der Zug so sehr, dass sie ihn zum Startzug machen und die komplexe Einleitung weglassen wollte. Dem bin ich hier nachgekommen. Im unten verlinkten Video gibt es die komplette Version zu sehen.
Die Dame muss also zu Hilfe eilen. Nun beginnt eine Art Bauernrennen, in dem Weiß auf den unscheinbaren b-Bauern setzt. Fast schon ein Excelsior-Problem! Schwarz generiert unterdessen Patt-Chancen.
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6. Kd3!
...e4 musste unbedingt verhindert werden!
6... h3 7. a6 e4+ 8. Kxe4 Qe5+ 9. Kxe5 h2
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Jetzt ist die Patt-Drohung real und Weiß muss reagieren.
10. Nd4! cxd4 11. a7 d3 12. a8=Q b1=Q 13. Rxb1 d2 14. Rb2
Der Vorteil des Zuges ist gemäß John Nunn, dass er auf ...d1D das Matt via g2 vorbereitet und der Nachteil, dass er den Läufer entfesselt.
14... Bd4+
Wovon Schwarz sofort Gebrauch macht, um den Turm zu gewinnen. Das rettet allerdings nicht mehr.
15. Kf4 Bxb2 16. Kg3 Be5+ 17. Kh3 d1=Q 18. Qxg2# 1-0 [Reyk Schäfer nach Angaben von Judit Polgar und John Nunn]
Nun zur angekündigten Erstveröffentlichung Jan Timmans bei Löberitz. 2021 sandte er mir den folgenden 'Urdruck' speziell für die Löberitzer Webseite. Darin versieht er unser Schildkrötenmanöver mit einem extra Twist.
Jan H Timman
Erstveröffentlichung Website SG 1871 Löberitz 2021
1. c6!
Verschafft dem Turm Zugang zum Blockadefeld g5. Durch den Angriff auf b7/g7 ist Schwarz gezwungen zu reagieren.
1... bxc6
Nach dem Schlagen mit dem König verläuft die Lösung weitgehend analog.
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3. Rg5! Rhg4 4. Nf3 Rxg5 5. Nxg5 Rg4 (5... Ra5 6. Ne4 Rd5 7. g7 Rd8 8. Nxf6
)
6. f4 hxg5 7. f5 Rh4 8. g7
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Das Blockade-Motiv wird wiederholt - diesmal mit dem Springer als Blockadefigur.
5... Rg4
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6. f4!
Der neue Aspekt und sicher Höhepunkt der Studie. Der dreimal angegriffene Springer wird einfach gedeckt, was wiederum zur Selbstblockade für den Turm führt, falls Schwarz mit einem der Bauern schlägt. Also quasi ein Rückkehr-Blockademotiv mit einer anderen Figur.
6... hxg5
Nachfolgend eine Episode aus dem Wijk-Jubiläumsbuch "Kings, Queens and Rookies", S. 31. Sie verdeutlicht noch einmal sehr schön Jans Liebe zum Schach und zu den Studien, aber auch die generations-übergreifende Anerkennung, die er in den Niederlanden erfährt. Autor dieses Abschnitts ist Jans langjähriger Weggefährte Dirk jan ten Geuzendam.
"To give his young colleague a further idea of what tournament life was like in 1985, in the absence of computers, Timman gets up to fetch some books. He shows copies of "Tournament Chess", a publication with the games of recent tournaments, and the endgame book of Chéron for adjourned positions. The endgame books ring a bell with Van Foreest. 'I remember what you wrote in your book "The Art of Analysis" when you investigated the ending against Velimirovic in Rio in 1979 and had to find a quicker win than Chéron described.'
They enthusiastically start talking about the position and the details that were essential ...
When we go down to the living room, Timman sits down at his writing desk to show a study he had composed recently. As he stares at the computer screen Van Foreest is gradually drawn into the position, and when he discovers the point of the study, he exclaims, 'Wow, that is beautiful.' Timman looks up at him and smiles. No matter what age difference, they are united in their love for the game."
Jan war auch als Autor und Redakteur sehr geschätzt. Seine Bücher sind sehr vielseitig in der Thematik und dabei durchweg lesenswert. In den letzten Jahren hatte Jan einen großen Output. Unwillkürlich denkt man, er muss gespürt haben, dass seine Zeit begrenzt ist. Natürlich hätten noch viele schöne Bücher folgen können, aber dennoch hat Jan wohl vor allem mit dem Abschluss der Timman-Trilogie ("Timman’s Studies") seine Herzensangelegenheit zu Ende führen können.
Seine Partieanalysen zeichnen sich durch den Blick auf das Wesentliche aus. In historischen Themen ist er genauso zu Hause wie in Studien und Partiensammlungen. Alle seine Bücher der letzten Jahre waren für mich ein Pflichtkauf und ich habe keinen bereut. Er ist wohl der Autor mit den meisten Büchern in meiner kleinen Bibliothek. Nachfolgend stelle ich "meine" Timman-Bücher kurz vor, was auch einen guten Überblick über sein Schaffen geben sollte.
Partien und Studien, Walter-Rau-Verlag 1990
Die deutsche Übersetzung von "Schaakwerk I: analyses en studies", die schon damals die Symbiose zwischen Partien und Studien abbildete, obwohl 1983 der Anteil der Studien in Timmans schachlichem Schaffen noch nicht den großen Stellenwert hatte. Berühmt ist die Analyse seiner Hängepartie gegen Velimirovic, die hier ausführlich Würdigung findet.
Curacao 1962, New in Chess 2005
Das spannende Turnierbuch vom Kandidatenturnier 1962, das vor allem durch die Partieabsprachen (Remis) zwischen Geller, Keres und Petrosian berühmt wurde. Das Buch fängt auch viel vom Flair des Turniers ein und erlebte mehrere Auflagen.
The Art of Endgame, New in Chess 2011
Jan gibt erstmals tiefere Einblicke in seine Welt der Endspiel-Studien mit vielen eigenen Werken, aber auch Vorbildern anderer Komponisten. Die Neuauflage 2023 enthält sowohl überarbeitetes als auch gänzlich neues Material.
Timman’s Titans, New in Chess 2016
Vielleicht mein Lieblings-Timman-Buch, in dem er sich den Weltmeistern widmet. Das Buch startet überraschend mit Aljechin, auf dessen Spuren in Portugal sich Jan begeben hat. Es ist vor allem ein Lesebuch, wobei sich Timman auch immer gesondert seine Partien gegen die Weltmeister vornimmt. Dadurch und durch viele noch nicht so bekannte Anekdoten versteht es Timman den häufig schon erzählten Biographien der Weltmeister interessante neue Aspekte hinzuzufügen.
Unbezahlbar ist der trockene Humor. Z. B. wenn es zum Patt per Blickkontakt zwischen ihm und einem portugiesischen Polizisten an einer roten Fußgängerampel kommt.
Im Kapitel über Botvinnik, S. 55 schildert Jan, wie er sich als junger Spieler auf eines seiner ersten größeren Turniere vorbereitet hat - natürlich a la Botvinnik:
"'How do I prepare?' asks Botvinnik in the foreword of his book "One hundred Selected Games". This is immediately followed by: 'That has never been a secret ... The best tonic is 15 to 20 days in fresh air, in the country.'
In those days, Hans Böhm was my bosom friend. We resolved to retreat for a month to a small house in the Frisian countryside, near a forest called 'Gaasterbos', and lead a Spartan life there. Normally, I hung around in shabby cafés in Amsterdam and Rotterdam, surrounded by shady types.
Donner regularly reprimanded me: 'You’ve got the wrong friends'. I would laugh, taking it as a compliment.
For three months, Hans and I lived like health maniacs. In Frisia we met a cheerful GP who assured us that having a beer once in while was healthier than drinking too much coffee. We didn’t listen to him. We could cross the 'Gaasterbos' in jogging suits. Our exertions exceeded even what Botvinnik had prescribed.
The tournament started, and I lost my first five games. I can remember exactly how I felt. During the game, my body was charged with so much energy that I could hardly remain sitting in my chair. After a game, I still had enough energy left to jog around the Vondelpark several times, but what was the use? This painful start prompted me to take a rigorous decision: I threw all my Spartan habits overboard and returned to my trusted, unhealthy lifestyle, and promptly the points came pouring in."
The longest Game, New in Chess 2019
Timman nimmt sich die epischen Weltmeisterschaftsduelle der beiden großen K vor. Mit den neuesten Erkenntnissen zu den Partien, die nicht selten Kasparovs Analysen in dessen Büchern widersprechen. Dazu gibt es viele Hintergrundinformationen zum Beispiel über den Abbruch des ersten Matches. Insgesamt besticht das Buch durch eine ausgewogenere Darstellung des Moskauer Abbruchs wie auch der politischen Einordnung der beiden zu Zeiten der ersten Matches.
Timman’s Triumphs, New in Chess 2020
Jans Partiensammlung best of - mit einigen früheren überarbeiteten Analysen und Teil der Timman-Trilogie. Ich hätte mir teilweise mehr Kontext und begleitenden Text gewünscht. Aber auch so ist das Buch natürlich schon recht umfänglich.
The Unstoppable American, New in Chess 2021
Jan untersucht Fischers Siegeszug zum WM-Match in Reykjavik. Uber das Interzonenturnier Palma 1970, das er mit 3,5 Punkten Vorsprung gewann, hin zu den bekannten Matches gegen Taimanov, Larsen und Petrosian. Sicherlich ist hierüber schon einiges geschrieben worden, aber mit neuesten Analysen und seiner prägnanten Kommentierung dürfte Jan jedem noch etwas Neues anbieten. Das Buch enthält auch Auszüge Robert Hübners wunderbar ironischer Berichterstattung von Palma und seiner Begegnung mit Fischer.
Max Euwe’s Best Games, New in Chess 2023
Timman hat stets seine Verehrung für die große Idolfigur des Schachs in den Niederlanden zum Ausdruck gebracht. Euwe hat seinerzeit sogar Timmans Mutter in Mathe unterrichtet. Jan hatte das Gefühl, dass es noch keine ausreichende Partiensammlung Euwes gab und dass er gemeinhin als Weltmeister unterschätzt wurde. Dem wollte mit diesem feinen Werk Abhilfe schaffen.
100 Endgame Studies you must know, New in Chess 2024
Dieses Buch war Jan sicher ein großes Bedürfnis. Angelehnt an einen anderen Titel gibt er eine Einführung in die Welt der Studien. Daher mag der eine oder andere Bekanntes vorfinden. Jan gibt den Studien mit seiner ihm eigenen Kommentierung eine besondere Note und erzählt auch etwas zu den Komponisten, von denen man oft sehr wenig weiß.
Timman’s Studies, New in Chess 2025
Der Abschluss der Timman-Trilogie. Nach "Timman’s Titans" und "Timman’s Triumphs" war jetzt offenbar keine sinnvolle Alliteration mehr möglich. Offensichtlich reichte Jan "The Art of Endgame" als Hinterlassenschaft für seine Studien nicht aus. Zu vieles aus den späteren Jahren war noch offen, zu viele verfeinerte Versionen hatten sich bereits angesammelt. Und so ist noch einmal ein sehr dicker Band erschienen, der eine Auswahl seiner Studien chronologisch durchläuft. Überschneidungen mit "The Art of Endgame" sind dabei unvermeidlich. Die Kommentare zu einzelnen Studien sahen aber bei Stichproben stets überarbeitet aus.
Erst vor wenigen Wochen habe ich Jan eine längere Mail geschrieben und ihm Studien genannt, die mir auf Anhieb gefallen haben. Eine Antwort habe ich leider schon nicht mehr bekommen (was unter normalen Umständen sehr ungewöhnlich gewesen wäre).
Jan war nicht nur als Buchautor eine feste Größe, sondern auch als Redakteur. Seit den 80er Jahren bestritt er - neben Dirk jan ten Geuzendam - den Weg von "New in Chess Magazine" mit - dem weltweit sicher populärsten Schachmagazin. Bis zuletzt schrieb er dort Kolumnen. Auch die neueste posthum erschienene Ausgabe enthält noch einen Timman-Beitrag "The Decline and Fall of Russian Chess". Die anderen großen niederländischen "Geschichten-Erzähler" - Hans Ree und Genna Sosonko - sind über 80 und inaktiv. Vielleicht werden sie aus diesem traurigen Anlass noch ein letztes Mal die Tastatur hervorholen?! (Update: Sosonko hat das tatsächlich für einen lesenswerten Nachruf in Schach 4/2026) getan) Wer wird indes künftig diesen Bereich abdecken? Jan hinterlässt jedenfalls eine Lücke, die kaum zu schließen ist.
Enden möchte ich mit einem Zitat - erneut aus "Timman’s Titans". Träume kamen in Jans Büchern öfter vor. Der folgende Ausschnitt aus dem Kapitel über Mikhail Tal, S. 109 ist nach wie vor voll von Humor und Lebensfreude und gleichzeitig momentan auch traurig. Jan ist bei einem Turnier in Riga 1995 und schildert zunächst, wie er mit Kramnik, Short und Kengis Tals Grab besuchte.
"The night before I had dreamt about Misha Tal. It was a long dream; first, I played a game with Jussupow, who had opted for the Slav Defence with black. We played according to new rules, which I had studied well. The new rules were not simple: what it boiled down to was that certain structures on the board were unchangeable, a bit like in Chinese chess. I won by mating the enemy king with my minor pieces. What had happened to the black queen, I wondered afterwards. I must have eliminated it at a certain moment. Suddenly, there was an array of coffins.
A red light would go on when the person in the coffin - they were all chess players - was really dead. A little further on, there were coffins that contained Pilnik and Petrosian, but closest to me was the coffin with Tal. I wasn’t sure if the red light had also gone on for him - it had flickered only briefly. I took a closer look, and got the confirmation that he was really dead.
Then something remarkable happened: Tal was suddenly alive, and he asked me why he hadn’t been invited to Bugojno. I replied that for a long time it hadn’t been certain whether the tournament would be held in Bugojno or in Athens, and that this had caused confusion. Tal insisted - he had been looking forward to bringing his son along to the tournament. I then decided to tell him that he couldn’t have played anyway - the tournament took place in 1994 and he had died two years before that.
In a certain way this dream followed reality. Jussupow did indeed participate in the Riga tournament. From a tournament situation, I moved to the underworld, where Misha Tal had a miraculous resurrection. Even after his death, he still had the desire to play tournaments. People who believe in such things may claim that it hadn’t gotten through to his soul that he was dead, and that was what I was dreaming about. It might be closer to the truth that I hadn’t reconciled myself to the fact that he was no longer there."
Ich bin der festen Überzeugung, dass auch Jan, egal wo er jetzt ist, weiterhin große Lust auf Schach und Studien hat.
Reyk Schäfer
DSB/Hoppe, Frank: Alexander Naumann gewinnt das Löberitzer Ehrenpreisturnier
Nachruf Dirk Jan ten Geuzendam
Judit Polgar/John Nunn über J. Timman, Studien
NIC Podcast #82: GM Jan Timman
Speelman's Agony 237: Battles with Jan
Devreese, Gert: "My Most Memorable Interviews" Thinkers Publishing, 2022
Boel, Peter/Doggers, Peter/ten Geuzendam, Dirk Jan/l'Ami, Erwin: "Kings, Queens and Rookies - The Tata Steel Chess Tournament" New in Chess, 2023
Karolyi, Tibor: "Legendary Chess Careers: Jan Timman" Chess Evolution, 2015
Timman, Jan: "100 Endgame Studies You Must Know" New in Chess, 2024
Timman, Jan: "A man of many devices", New in Chess Magazine 2/2025, S. 88; New in Chess 2005
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Bert Verhoeff / Anefo
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Dr. Robert Hübner vs Jan Timman
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MBIHund - Eigenes Werk
Meine Timman-Bücher
Eigener Bestand
Wikipedia: Jan Timman, chess grandmaster from the Netherlands
Stefan64 - Eigenes Werk
Wikipedia: Jan Timman und Gennadi Sosonko Schacholympiade 1984 in Thessaloniki
GFHund - Eigenes Werk
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Ron Kroon for Anefo