Ladislav Prokeš und die Schildkröte

Hinweis: Klicken auf das Dreieck rechts unterm Brett schaltet die Varianten für das Nachspielen mit der Tastatur ein/aus.

Ladislav Prokeš Ladislav Prokeš galt als bedeutendster Studienkomponist der Tschechoslovakei und war auch als Spieler aktiv. Er vertrat sein Land bei drei Schacholympiaden im Zeitraum von 1927 bis 1930.
Seine Studien gelten als löserfreundlich und partienah, aber keineswegs banal. Hier ein Auszug aus dem Studienmagazin EG 7/67:

If there is a single composer whose work is likely to make studies really popular, that composer is Prokes. His positions have few pieces, and the pieces are naturally placed. The solution is short. Profound and lengthy analysis is not needed.
The position leads the solver to think that a direct game-approach is sufficient, so that when this proves not to be so the solver will have learned something, and he will have been pleasantly surprised.

Meine Übersetzung:

Wenn es einen Komponisten gibt, dessen Schaffen Endspielstudien wirklich populär machen kann, dann ist es Prokes. Seine Kompositionen haben wenige Figuren und diese sind natürlich platziert. Die Lösung ist kurz. Gründliche und lange Analysen sind nicht erforderlich.
Die Stellung lässt den Löser vermuten, dass ein partienaher Ansatz ausreichend ist. Wenn dem dann nicht so ist, wird der Löser etwas gelernt haben und positiv überrascht sein.

Kürzlich stieß ich in Schachmagazin 64, Schachschule 116 auf eine Turmendspielstudie von Ladislav Prokeš, die mich sofort an eine Punktspielpartie von vor fast 20 Jahren erinnerte. Dazu später mehr. Hier zunächst die Studie mit Kommentaren aus Schachmagazing 64

Ladislav Prokeš - Gewinn

Ceskee Slovo 1937


1. b4!

Indem dem sT das Feld a5 genommen wird, bereitet Weiß das Schildkrötenmotiv vor. Leider ist die Studie (doppelt) nebenlösig und damit entwertet.

1. a7? Rxb3+ 2. Kg2 Ra3=

1. Kh2? Rxb3 2. Rf5+ Kg4 3. Ra5 Rh3+

1. Kg3! Kg5 2. Rf8 Rxb3+ 3. Rf3 Rb4 4. Ra3 Rg4+ 5. Kf2 Rf4+ 6. Ke3 Rh4 7. Ra2 Rh3+ 8. Kd4 Rh8 9. a7 Ra8 10. Kd5

1. Kg2! Rxb3 2. Rf3 (2. Rf5+?? funktioniert hier nicht. 2... Kg4 3. Ra5 bxa5 4. a7 Rg3+ 5. Kf1 Rf3+ 6. Ke2 Rf8)

1... Rxb4 2. Rf5+ Kg6 3. Ra5!!










3... bxa5 4. a7

Hier nun kommen die Testudines ins Spiel: "Nun ähnelt der Bauer a7 einer Schildkröte, meinte der Autor, die auf ihrem Rücken den bestmöglichen Schutz trägt, den gegnerischen Bauern. Diese Assoziation mag vielleicht nicht jedermann ansprechen, aber wer dieses Beispiel einmal gesehen hat, vergisst es nicht so schnell." (Schach 64/ Schachschule 116)

1-0

Wie in der Einleitung beschrieben: Hätte ich die Studie 20 Jahre früher gekannt, hätte Wolfen-Nord den wichtigen Abstiegskampf nicht verloren ... Und die verpasste Kombi hätte mich nicht noch tagelang danach verfolgt ... Hier habe ich die Partie seinerzeit komplett für Wolfen-Nord kommentiert.


Lars Peter Heineck - Reyk Schaefer [D88]

LL0102 Wolfen/Nord-Merseburg I (5) 2002


33... Rd3+

Die Stellung ist für Weiß alles andere als erfreulich, auch wenn der König jetzt (relativ am besten ein Feld auf der h-Linie aufsuchen würde). Es geschah jedoch ...

34. Kf4?










was den sofortigen Schildkröten-Knockout ermöglicht hätte. Wenn ... ja wenn man das Motiv (er)kennt.

34... Rd2?

Wir wissen natürlich mittlerweile, dass man in style hätte beenden können. Überflüssig zu erwähnen, dass Schwarz auch nach der Auslassung noch sehr gut steht, aber die Partie ins Remis abdriftete ... Der Mannschaftskampf ging 3,5: 4,5 verloren :-(

34... b3! 35. axb3 Rd4+ 36. Ke3 Ra4

35. g3 Rxa2 36. Rxb4 Rb2

36... h6!

37. Ra4 a2 38. Ra6 h6 39. h4 Ke8 40. e6 Kd8 41. h5 gxh5 42. gxh5 Rf2+ 43. Ke3 Rh2 44. g4 Kc7 45. Kf4 Kb7 46. Ra3 Rf2+ 47. Kg3 Rc2 48. Kf4 Rf2+ 49. Kg3 Re2 50. Kf4 Kb6 51. Kf5 Kb5 52. g5 hxg5 53. h6 Rh2 54. Kxg5 Kb4 55. Ra8 Rg2+ 56. Kh5 Rh2+ 57. Kg6 Kb3 58. h7 Rg2+ 59. Kf7 Rh2 60. Kg7 Rg2+ 61. Kf8 Rh2 62. Kg7 Rg2+ 63. Kf7 Rh2 64. Kg7 Rg2+ 1/2-1/2

Harold van der Heijden Mein Ehrgeiz war jetzt geweckt: Ich wollte herausfinden, inwieweit das "Schildkröten-Motiv" auch in anderen Studien und vor allem in praktischen Partien vorkam.
Dazu nahm ich Kontakt mit dem Niederländer Harold van der Heijden auf. Er betreut die größte existierende Endspielstudien-Datenbank mit über 90 000 kommentierten und klassifizierten Studien. Für dieses Projekt hat er schon unzählige Stunden geopfert.

Weiterhin ist Harold Chefredakteur des Studien-Magazins EG und selbst als Komponist und Schiedsrichter für Kompositionswettbewerbe tätig. Diesen Artikel hier wird er problemlos auf Deutsch lesen, da einer seiner Söhne in Nürnberg wohnt. Der Einfachheit halber haben wir allerdings auf Englisch kommuniziert.

Harold half mir sehr schnell und unkompliziert. Er gab mir einen Crash-Kurs in Chess Query Language (CQL), einer einfachen Programmiersprache zum Auffinden von Stellungsbildern, Motiven und Manövern (mit Chessbase-Suchabfragen z. B. kommt man diesbezüglich nicht sehr weit). Für meinen konkreten Anwendungsfall schrieb er ein kleines CQL-Script, das ich dann im weiteren Verlauf anpasste, um den Suchfilter gröber oder feiner einzustellen.
Das erste Suchergebnis aus der Studien-Datenbank lieferte Harold gleich mit. Darunter auch Stücke von ihm selbst - denn er hatte sich ebenfalls mit dem Motiv beschäftigt. Eine Auswahl zeige ich weiter unten.

Hier beschreibt Harold seine iterative Vorgehensweise im Detail:

Dear Reyk,
With your restrictions I programmed a small script for CQL. It is very simple (maybe not optimal).

cql (input hhdbvi.pgn )
flipvertical shift
{pc7 Pb7 rc1-5
line
--> move to _b6
--> move from pc7 to Ab6}


It searches for a position (any material) with wPb7 bPc7 and bR on c1 to c5. This position has to be mirrored vertically (i.e. wPb7 bPa7 and bR on a1 to a5 are also hits). Then this pattern of shifted all over the board.

Then there is a sequence of moves (line): Some piece moves to the empty square b6.
Then bPc7 captures any piece (A) on b6 (as this is by Black, the piece playing to b6 must have been White)

You will see (attachment) that there are 14 hits. You will probably protest and say that you only want a rook to be sacrificed on b6. This could easily be restricted by changing the first line statement to: --> move from R to _b6 But this illustrates that one should not set the criteria too strict as sometimes interesting examples might be found (see no. 10). If there are only a few hits (like here), one should browse the output file by hand. On the other hand, one must be more strict of e.g. hundreds of studies are found.

The script does not find the thematic moves in sublines. And also not if the thematic move is played by Black. This script does (I highlighted the changes):

cql (input hhdbvi.pgn variations )
flipvertical shift flipcolor
{pc7 Pb7 rc1-5
line
--> move to _b6
--> move from pc7 to Ab6}


And results in 18 hits (see no. 11 in this file).
In conclusion: CQL is very powerful – and I could not easily find these studies otherwise. But the language is not easy to comprehend – I am only a beginner ...

Best wishes, Harold van der Heijden

Unerwünschten Nebengleise wie in unserer Eingangsstudie sind übrigens in Harolds Datenbank als 'cook' gekennzeichnet. Befragt nach dem Ursprung dieser Bezeichnung schreibt Harold:

The term "cook"ťin English does not only refer to second solutions or duals. Many people, like myself, also use it for refutations (unsoundness) as cooks. Also "duals" is not so clear, some reserve this qualification for a minor dual rather than a second solution. For the endgame study area I wrote an article on minor duals which I believe has received general recognition.

The English say: "I cooked a study"ť intending to say that they have found a study to be unsound (unsound, second solution, dual), i.e. something like "I wasted a study".

It seems that some websites ascribe this term to the problemist Eugene Cook. But I think that there is no proof for that.

Gibraltar 2015: Josi in Runde 1 gegen Surya Im nächsten Schritt zur Suche des Motivs in praktischen Partien portionierte ich große Partie-Datenbanken in kleine Datenbank-Häppchen, die ein von Emil Vlasak entwickeltes CQL-Tool handhaben konnte und stieß nach einigem Basteln im Suchprozess auf die folgende Partie. Ich erinnerte mich dann sogar wieder, sie schon einmal gesehen zu haben. Kein Wunder: Schließlich waren wir damals selbst vor Ort!


Surya Shekhar Ganguly (2595) - Alan Pichot (2480) [A48]

The 2015 Tradewise Gibraltar Chess Fest/Caleta Hotel, Gibraltar (8.27) 2015


46... Kf6?

Hier sicher schwer zu sehen, dass das ein Fehler ist. Schwarz sollte versuchen

46... Rd4 47. d6 cxd6 48. cxd6 Rxd6 49. h4 f6 50. Rxa5 Rd3 mit guten Remisaussichten.

47. f4 Rd4










48. c6!

Bereitet die Bühne.

48... Rxa4 49. d6!

Das ist nochmal ein netter Twist: Ganguly zwingt den Schildkrötenbauern zunächst auf das fatale Feld, von dem aus er den weißen Turm schlagen und so den gegnerischen Freibauern unfreiwillig schützen muss.

49... cxd6 50. Rc5 dxc5 51. c7 1-0

Surya Ganguly Der Gewinner der Partie GM Surya Sekhar Ganguly ist bekannt als einer der Sekundanten von Vishy Anand seit dem WM-Kampf 2008 gegen Vladimir Kramnik in Bonn. Kürzlich sind zwei sehr lesenswerte Bücher erschienen, die Vishys Karriere, speziell die WM-Kämpfe und auch die Arbeit der Sekundanten beleuchten. Zum einen "The Anand Files" von Michiel Abeln, der ausführlich mit allen Sekundanten gesprochen hat und die WM-Kämpfe Anands gegen Kramnik, Topalov und Gelfand aus Sicht des Teams schildert. Ein sehr eindrucksvoller Blick hinter die Kulissen. Zum anderen Vishys Autobiographie "Mind Master", in der der mehrfache Weltmeister selbst sehr offen seine Gefühlswelt während der Kämpfe schildert.

Nun ist offensichtlich, dass GM Surya Ganguly unser Motiv genutzt hat und ich Amateur nicht. Für mich war aber noch nicht offenkundig, ob der Inder das Ganze am Brett 'gefunden'und berechnet hat oder ob es über Pattern recognition ablief und er nur Bekanntes abrufen musste. Daher habe ich ihm eine pgn-Datei mit ausgewählten Studien, die ich weiter unten zum Thema noch zeigen werde, geschickt. Enthalten war auch unsere Eingangsstudie von L. Prokes. Ich habe ihn gebeten seinen Gedankenprozess zur Gewinnkombination gegen den Argentinier Pichot zu schildern und gefragt, welche Muster er ggf. schon kannte. Hier seine Antwort:

Dear Mr.Schaefer,

Thanks for your email and kind words.
I have gone through your file, and it looks great. I had seen this trick from a distance, and it came to me instantly, which is likely because I knew at least two beautiful patterns in this similar motif.
Yurgis - Botvinnik, Leningrad 1931 which Black won.
Ortueta - Sanz, Madrid 1933 (Black won)

I just knew the second position and only recently stumbled into this article, which talks about the historical concept. There is a movie named "The Coldest Game", and this 2nd position was also shown there :) You can find an article here.

Knowing various patterns definitely helped sharpen the tactics, and as a kid, I was fascinated with beautiful studies and composition. It is a habit/addiction that continues to stay with me :)

Best wishes, Surya

Meine Übersetzung:

Lieber Herr Schäfer,

vielen Dank für Ihre Mail und die netten Worte.

Ich habe mir Ihre Datei angesehen - sieht sehr gut aus. Ich hatte den Trick in meiner Partie schon lange zuvor erspäht. Ich sah die Idee sofort, wahrscheinlich, weil ich mindestens zwei schöne Muster zu diesem Motiv kannte:

Yurgis - Botvinnik, Leningrad 1931 (Schwarz gewann)
Ortueta - Sanz, Madrid 1933 (Schwarz gewann)

Ich stolperte erst kürzlich über einen Artikel, der das historische Konzept beleuchtet. Es gibt eine Serie "The coldest game" und diese Stellung kommt dort vor :) Darüber mehr hier.

Viele Muster zu kennen hat in jedem Fall geholfen, den taktischen Blick zu schärfen. Als Kind war ich fasziniert von schönen Studien und Kompositionen. Die Begeisterung dafür hat mich bis heute nicht los gelassen :)

Alles Gute, Surya

Es gibt also gleich noch einen Tipp für eine neue Netflix-Schach-Serie gratis ;-) Wenn die auch wieder so erfolgreich wird ...
Interessant ist, dass er mit Ortueta - Sanz eine sehr bekannte Kombination nennt, die aber mit unserem Motiv nur entfernt verwandt ist. Wer die Partie und ihren Vorläufer nicht kennt, dem empfehle ich unbedingt Tim Krabbe's Artikel in den Quellhinweisen. Oder man guckt halt "The coldest game" ;-)

Mikhail Botvinnik 1927 Die Partie des jungen Botvinnik ist aber ein weiterer schöner Fund. Sie entzieht sich unserem CQL-Script, weil die Idee leicht abgewandelt wird. Aber es ist eine sehenswerte Variation und zudem offenbar einen Partie aus dem klassischen Kanon, die zu kennen sich lohnt. Der Turm stellt sich hier genauso dem Bauern zum Schlagen hin. Ziel ist aber nicht die Blockade der Linie des Freibauern. Vielmehr wird eine wichtige Diagonale geräumt und gleichzeitig ein zweiter Freibauer zur Unterstützung auf den Weg geschickt ...

Mikhail Botvinnik hat die Partie in "Half a century of chess" kommentiert. Ich habe Auszüge seiner Kommentare auf englisch eingefügt und engine-basierte neue Erkenntnisse als meine Anmerkungen zur besseren Unterscheidung auf deutsch.

Alles, was Botvinnik kommentiert, ist übrigens sehr klar, lehrreich und lesenswert, insbesondere die Bücher über seine WM-Kämpfe. Er war sich auch nicht zu schade, seinen verlorenen WM-Kampf gegen Petrosian zu kommentieren. In dem von seinem Neffen und Nachlassverwalter Igor Botvinnik herausgegebenen Band über das 63er Match finden sich aber auch Kommentare von Petrosian und anderen sowie ein Artikel Botvinniks mit dem Titel "Why I lost the match".
Doch nun zurück ins Jahr 1931:


A. Yurgis - Mikhail Botvinnik [A14]

Leningrad Electr industry/Leningrad 1931


27. h4

White counts on the closed nature of the position, but after this unfortunate move Black advantageously sacrifices the exchange, as White's pieces are too passive. By means of

27. exf6 Bxf6 28. Bh3 White could have gained some counterplay.

27... Rc3!

Ganz im Geiste von Tigran Petrosian, der zum Zeitpunkt dieser Partie gerade 2 Jahre alt war und Botvinnik im WM-Match 1963 - dem ersten ohne Anrecht auf ein Revanche-Match - besiegen konnte. (d. A.)

28. Bxc3 dxc3 29. Qe3 Bxd3

A risky capture, but as it transpired it was sufficient for a win. Simpler perhaps was

29... Qc7 30. Rf2 Rd4! followed by ...Bc5, when White has to overcome great difficulties.

30. Rf2 Qd4

A clever trap, which White does not see through. To be fair, it should be pointed out, that this move was forced.

31. Qxd4 Rxd4 32. Bf1










This gives Black the chance of a pretty win. But also after

32. Bf3 Bc5 33. Kh2 c2 34. Rc1 the combination carried out at move 34 would have been decisive. Übrigens zitiert Kasparov offenbar in "My great predecessors II" aus einem anderen Werk Botvinniks - die genauen Quellen sind bei Kasparov allerdings schwer nachvollziehbar. Dort wurde aus dem 'pretty win' eine kleine Steigerung: "But now I am able to carry out one of the most beautiful kombinations in my entire tournament career.'

32... c2

(Arbeitet auf ein hübsches Motiv hin, aber wegen der möglichen Vaiante 34.Tf:c2 war hier wohl zu einem anderen Zug zu raten, der die Kombi modifiziert, aber m. E. nicht abwertet, d. A.)

32... Bc5! weder von Botvinnik, noch von Kasparov angegeben. 33. Rxd3 (33. Bxd3 Rxd3 34. Rxd3 c2) 33... Rxf4! (33... Rc4 scheitert hier u. a. an einfach 34. Td1) 34. gxf4 c2










Diese Stellung ist fast noch schöner als die in der Partie, denn Weiß hat zusätzlich den Läufer sowie beide Türme und ist nicht in der Lage den Bauern aufzuhalten. Dabei wird der Turm auf d3 in absolut harmonischer Zusammenarbeit der bescheidenen schwarzen Kräfte aufgehalten: Der Bb4 deckt c3, der Freibauer selbst bewacht d1 und der Läufer schließlich verhindert Td8+-c8 und fesselt gleichzeitig den anderen Turm.
Die Variante geht noch etwas weiter, denn Weiß rettet mit 35. Kg2 die Qualität. 35... c1=Q (35... Bxf2?? 36. Rd8+ Kf7 37. Rc8) 36. Rff3 und materiell sieht es ok für Weiß, aber die Türme sind wirkungslos und die weiße Armee fast schon in Zugzwang. Während der schwarze König auf h6 Zuflucht findet, wird es für sein Gegenüber auf den dunklen Feldern ungemütlich. 36... g6! Typischer Computerzug, der dem sK Luft für einen sicheres Versteck vor Nachstellungen der weißen Figuren sichert. 37. a5 (37. h5 g5 38. fxg5 Qb2+ 39. Kh3 Bg1 40. Bg2 Qxe5) 37... Kf8 38. Rd8+ Kg7 39. Rc8 Qd2+ 40. Kg3 Bg1

33. Rc1

33. Rxc2 Bxc2 34. Rxd4 also looses due to 34... Bc5

33... Bxf1 34. Rcxf1

Also bad is

34. Rfxf1 Rd2 35. Rfe1 Bc5+ 36. Kh1 Bd4 followed by Bb2-c1 and Rd1+; But now it appears that Black cannot save his passed pawn on c2.

34. Kxf1 Rd1+

34. Rfxc2! Weder von Botvinnik, noch von Kasparov erwähnt. Meine Quelle bin natürlich auch nicht ich, sondern ist Stockfish. Kasparovs Anmerkung zum nächsten Zug könnte erklären, warum der Zug keine Erwähnung fand. "My Predecessors II" entstand halt zu Zeiten, als Fritz als die Top-Engine galt. Und überhaupt ist es nahezu Kasparovs einzige Anmerkung zu dieser Partie, die nicht auf Botvinnik zurück geht. Das alles tut der Schönheit der Partie und der Idee aber sicher keinen Abbruch. Zumal die korrekte Zugumstellung 32...Lc5 nicht minder ästhetisch ist. 34... Bd3 35. Rc8+ Bf8 (35... Kf7 36. R1c7) 36. R1c7 und es sieht so aus, als sichert die Aktivierung der Türme, verbunden mit den Drohungen gegen den Le7 dem Weißen das Remis. (d. A.) 36... Be4 37. Rb8 Rd1+ 38. Kf2 Rd2+ 39. Ke3 Rb2 40. Rcc8 Rxb3+ 41. Kd2 Rb2+ 42. Kc1 Rb1+ 43. Kd2=

34... Rc4!!










By temporarily sacrificing a rook Black gets a new queen. Kasparov: "Sacrificing the second rook! A stunning blow - one of those that you don't see immediately - even Fritz only suggests the tedious:

34... Rd3?! 35. Kg2 Rxb3 36. Rxc2 "

35. bxc4 Bc5 36. Kg2 Bxf2 37. Kxf2 b3 0-1 [Mikhail Botvinnik]

Eine tolle Partie, wie ich finde. Meine Ergänzungen mit modernster Engine-Hilfe kommen hoffentlich nicht besserwisserisch daher. Hier ging es mir darum, eine Alternative zu zeigen, die zwar von unserem Motiv (Botvinniks 34...Tc4!!) wegführt, aber auf ihre Weise ästhetisch ist und den Bogen schlägt zu Ortueta - Sanz.
Obwohl Stockfish ja letztlich dafür verantwortlich war, war ich natürlich dennoch nervös, Botvinnik und Kasparov zu widersprechen und bat Surya um eine Prüfung. Da wir inzwischen zwar irgendwie per Du kommunizierten, ich aber immer noch unsicher war wegen des ewigen Problems der indischen Vor- und Zunamen, gab es auch noch interessante Hintergrund-Informationen dazu:

Dear Reyk,

First of all, let me confuse you further with the Indian names :) Typically in India, there are two ways in this aspect. Name followed by the Surname, like Surya being the name and Ganguly being the title. That is fairly straightforward. Other examples could be Vidit Gujhrathi, Raunak Sadhwani, Padmini Rout, etc. In India's southern part, things are a bit different, and for the First, they have their father's name followed by their own name, and they do not have any surname. Viswanathan is Anand's father's name, and Anand's child is known as Akhil Anand. Other examples could be Krishnan Sasikiran, Koneru Humpy, etc. You will have to call them by their last name as their first name would be their Father's name. How do you find out by name which one is what? There is no concrete way to do it :) So, it is perhaps best to ask the person.

Getting back to the Botvinnik game, you are absolutely right as far as the variations are concerned. Thanks for sharing the notes. I did a quick search in Mega and got the following annotations where similar lines are mentioned but without any concrete evaluations. I am attaching the same herewith.

Best regards,
Surya

Die erwähnten Analysen und Kommentare waren tatsächlich auf französisch und erwähnten nur die Anfangszüge der Varianten ohne (Neu-)bewertungen der historischen Vorlage.

Johann Behting Nun aber zu weiteren Studien, die das Motiv aufgegriffen bzw. entdeckt haben. Der erste, der vermutlich das Schildkröten-Motiv in Studienform behandelt hat, war der Lette Johann Behting (lettisch: Jānis Bētiņš). Mit seinem vielleicht sogar noch bekannterem Bruder Carl (Kārlis) bildete er ein formidables Komponisten-Duo. Er lebte in Mellupi, nahe Riga und musste seine Heimat in den Kriegswirren des Sommers 1944 im Alter von 88 Jahren verlassen. Seine etwa 10.000 Bände umfassende Bibliothek wurde von den deutschen Besatzern als Brennstoff verwendet. Bemerkenswert im Erstling zu unserem Motiv ist die Verwendung des Läufers als Blockade-Figur.


Johann Behting - Gewinn

Rigaer Tageblatt 1894


1. Be7

Gegen die Blockade des Feldes g5 ist Schwarz machtlos.

1... Kxf4










1... Rg1 2. Bg5 hxg5 3. f5 Kxf5 4. g7

2. Bg5+ Kxg5

2... hxg5 3. g7

3. g7 1-0

Henri Rinck Der Franzose Henri Rinck war ein bedeutender Komponist und Endspieltheoretiker. Sein prosaisches Werk fand oft Niederschlag in Endspiel-Monographien. 1897 entdeckte er einen Raffinationsprozess für grüne Pflanzenöle, der erstmals in Marseille angewandt wurde und anschließend von verschiedenen Olivenöl-Raffinerien in Spanien übernommen wurde. Vermutlich war er der erste, der das Schildkrötenmotiv in Reinform im Turmendspiel verwendet hat:


Henri Rinck - Gewinn

Deutsche Schachzeitung 1906


1. f6

1. e4? exf5 2. Rh5 (2. Kc3 Rd1) 2... Kb6 3. exf5 Kc6

1. fxe6? Rxe2

1. Rh5? exf5 (1... Rxe2? 2. f6+) 2. Rxf5+ Kb6 3. Re5 Kc6 4. Kc3 Ra2 5. Kd4 Kd6

1... Rxe2

1... Kb5 2. Rh8 Rd7 3. Re8 Kc5 4. Rxe6 Kd5 (4... Rf7 5. e4) 5. Re7 Rd8 6. e4+

1... Kb6 2. Rh8 Rd7 3. Re8 Kc5 4. Rxe6

1... Rd4 2. Re7 Re4 3. Re8 Rf4 4. Rxe6

1... Rd8 2. Re7

2. Rh5+

2. f7? Rf2 3. Kc4 Kb6 4. Kd4 Rf5

2. Re7? Kb5 3. Kc3 (3. f7 Rf2) (3. Re8 Rf2) 3... Kc5 4. Kd3 Re1 5. Re8 Rf1 6. Rxe6 Kd5 7. Rb6 Ke5

2. Rh8? Rf2 3. Rf8 Kb6 4. f7 Kb7 5. Kc4 Rf5

2... Kb6










3. Rf5! exf5 4. f7 1-0

Aber auch das Behting-Thema mit dem Läufer fand Eingang. Hier vielleicht auch zum ersten Mal mit einem stillen Zug, der die Blockade erzwingt. Hilfsmittel/Drohung ist ein Spieß.


Henri Rinck - Gewinn

Deutsche Schachzeitung 1906


1. Be3!

1. Bg5? Rg1 2. Bxf6 Rxg6

1. g7? Rg1 2. Bh6 f5 3. Kxc7 f4 4. b6 f3 5. b7 Rxg7+ 6. Bxg7 f2

1... Rf3










2. Bg5!

2. Bh6? Rg3 3. g7 f5

2... fxg5

2... Rf5 3. Bh4+ Ke2 4. g7 Rxb5+ 5. Kxc7 Rc5+ 6. Kd7 Rd5+ 7. Ke7 Re5+ 8. Kf7

2... Rg3 3. Bh4

3. g7 g4 4. g8=Q g3 5. Kxc7 Kf2 6. b6 g2 7. b7 Rg3 8. Qa2+ 1-0

George Teodoru Der Rumäne George Teodoru ist Bauingenieur für Brückenbau. 1971 siedelte er in die BRD über und lebt heute in Köln. Er promovierte in Aachen und arbeitete als Statiker, wobei er unter anderem an der FH Köln an der Gründung des Instituts für Technologie in den Tropen (ITT) beteiligt war und viele wissenschaftliche Aufsätze verfasste.
Er hat sich sowohl als Spieler als auch Komponist einen Namen gemacht und nahm mehrfach an rumänischen Meisterschaften im Nahschach teil.

Einen gänzlich neuen Twist zum Thema lieferte er 1951 (überarbeitet 1953). Dabei wird unser Motiv diesmal in der Verteidigung genutzt - für eine sehenswerte Hinlenkung mit Pattfinale.


George Teodoru - Remis

L'Italia Scacchistica 1951


1... f3 2. Rxe5 Rf4! 3. exf4 f2










4. Re1! fxe1=Q

4... fxe1=B 5. c3 Kxa4 6. Bxf5

5. Bc3+! Qxc3 1/2-1/2

Kurze Pause vom Motiv: Damit Prokes als Trigger für diesen Artikel nicht nur mit einem 'cook' vertreten ist, hier eine weitere Studie von ihm, die ausnahmsweise nichts mit Schildkröten gemein hat. Sie kommt aber ganz wie oben beschrieben mit wenigen Figuren und löserfreundlich daher. Weitere Studien von L. Prokes - z. T. im Video-Format - finden sich in den Quellhinweisen.


Ladislav Prokeš - Gewinn

2.p UJCS 1942


1. Bd8

"Es ist schwer zu glauben, aber Weiß gewinnt fociert den gegnerischen Läufer, indem er ihn zu diesem Zweck auf das Feld a2 treibt!" (Semjon Furman, "Die Studie mit den Augen der Großmeister" (Etjud glasamy grosmeysterov))

1... Bc8

1... Be6 2. Rf6 Ng7 3. Rg6

2. Rc7 Bb7










3. Rc5

Nun darf der Springer wegen Matt nicht ziehen. Der Grund, warum nur 1.Ld8 als Schlüssel funktioniert.

3... Be4 4. Re5 Bd3

4... Ng3 5. Bh4

4... Nd6 5. Re6

5. Kc3 Bb1 6. Re1 Ba2 7. Ra1 1-0

Zum Abschluss nochmals ein Dankeschön an Harold für die Recherche-Hilfe.
Und hier ist eine seiner Variationen zum Thema. Wie Rinck weiter oben benutzt auch er einen stillen Blockadezug - diesmal unter Zuhilfenahme einer Gabel.


Harold Van der Heijden - Gewinn

The Problemist 2009


1. Re1

1. Rxh6? h1=Q

1... Kf2!

1... h1=Q 2. Ne3+ Kh2 3. Ng4+ Kg2 4. Rxh1 Kxh1 5. Nxh6

1... Rd6 2. Rc1 h1=Q (2... Rd7 3. Nxh2+ Kxh2 4. Rxc6 Rb7 5. Kb2 Kg3 6. Kb3 Kf4 7. Kb4 Ke5 8. Kb5) (2... Rd8 3. Nxh2+ Kxh2 4. Rxc6 Rb8 5. Kb2 Kg3 6. Kb3 Kf4 7. Kb4 Ke5 8. Kb5 Kd5 9. Rc7) 3. Ng3+ Kg2 4. Nxh1 c5 5. Rc2+ Kxh1 6. b7 Rd8 (6... Rb6+ 7. Rb2) 7. Rxc5 Rb8 8. Rb5

1... c5 2. Nxh2+ Kxh2 3. Re2+ Kg1 4. b7 Rb6+ 5. Rb2

2. Nxh2

2. b7? h1=Q 3. b8=Q Kxe1

2... Rxh5

2... Kxe1 3. b7 (3. Nf3+ 3... Kf2 4. b7 Rxh5 5. Nd4) 3... Rxh5 4. Nf3+ Kf2 5. Nd4










3. Re5!

3. b7? Rb5+ 4. Kc2 Kxe1

3. Re7? Rb5+ 4. Kc2 Rxb6

3... Rh4

3... Rxe5 4. Ng4+ Kg2 5. Nxe5

3... Rxh2 4. b7

4. Rb5!

4. b7? Rb4+ 5. Kc2 Rxb7

4. Kc2? Rb4

4... cxb5 5. b7 Rxh2 6. b8=Q 1-0

Game(s) in PGN

Wir freuen uns sehr, dass Jan Timman den Artikel zum Anlass nahm, eine neue Studie zu entwerfen, die das Thema einerseits zusammenfasst und es andererseits in neuer Tiefe und Schönheit darstellt.

Hinweis: Eine gekürzte englische Fassung des vorliegenden Beitrags erschien 2021 unter dem Titel "The great barrier" im Studien-Magazin EG.

Weitere neue Schildkrötenmotive:

Wan Yunguo - Kong Xiangrui, Xinghua 2024

Abdusattorov - Praggnanandhaa, Tashkent UzChess Masters 2nd 2025

Online-Quellen

Chessbase: Check Czech chess II: Prokeš from Prague Siegfried Hornecker

EG 7/67, Ladislav Prokeš - The player composer A. J. Roycroft

Debrecen 1925, Chess notes Edward Winter

Arves.org: Selection out of 1244 studies composed by Ladislav Prokeš

Schachmagazin 64, Schachschule Teil 116

Wolfen-Nord, Schach: Kommentierte Partie Heineck - Schäfer

Chessbase: Harold van der Heijdens Endspielstudien

Rochade Kuppenheim (Eric van Reem): Interview mit Harold van der Heijden (via web.archive.org)

Tim Krabbé's CHESS CURIOSITIES: STRANGEST COINCIDENCE EVER - OR HOAX?
The case of the Polish Rxb2

Chessbase/Arne Kaehler: The The Coldest Game

Chessbase: Interview Igor Botvinnik

Bücher/Zeitschriften

Schachmagazin 64, Ausgabe Januar 2020, Schünemann-Verlag 2020

Mikhail Botvinnik: "Half a century of chess"
Cadogan Books 1996

Garry Kasparov: "MY GREAT PREDECESSORS, Part II"
EVERYMAN CHESS 2003

Gia Nadareishvili: "Etjud glasamy grosmeysterov"
Fizkultura i sport 1982

Datenbanken/Engines

Harold van der Heijden: Endgame study database HHdbVI

The Week in Chess

Stockfish

Videos

Powerplaychess/Daniel King: Study by L. Prokeš 1934 | Christmas 2018

Chess24/David Martínez (Einleitung frei, Bezahlschranke, spanisch): Finales Artísticos de Ladislav Prokeš
Neu aufgelegt bei: chess.com (ebenfalls Bezahlschranke)

Bildquellen

Ladislav Prokeš
Von Autor unbekannt - Wiener Schachzeitung, 1907, Gemeinfrei, Link

Harold van der Heijden

Surya Ganguly
By CC BY-SA 4.0, Link

Mikhail Botvinnik
Gemeinfrei, Link

Johann Behting
Von Autor unbekannt - Šahs (Riga), 1981 , Heft 9, p.14, Gemeinfrei, Link

Henri Rinck
By Unknown author - Public Domain, Link

George Teodoru
Von Autor unbekannt - The image was sent by Teodoru for sake of free use. Permission was granted., CC BY-SA 3.0, Link