Beispiel 1 wurde seinerzeit - wie in der Analyse erwähnt - auch in "Schach" gewürdigt. O-Ton Lothar Vogt: "Viktor Kuprejchik hätte bereits nach der 1. Runde für den geteilten 1. Preis nicht mehr in Frage kommen sollen..."

GM Kuprejchik, V. - Hentzgen
Regensburg, 1999

Thomas Hentzgen


Die Duelle gegen GM's sind immer ein absolutes Highlight. Dabei hatte ich gegen Lutz und Paehtz schon einige Scheu abgelegt. Wenn man live erlebt, wie sich der Meister abmuehen muss, waechst natuerlich der Wunsch einen GM-Skalb einzusammeln. Bei meinem 3. Versuch, kam ich diesem Ziel schon recht nahe (Lothar Vogt berichtete in Schach 2/1999). Fuer den Kuprejchik, gegen den schon Wanze remisierte, hatte ich in Runde 1 nichts Besonderes vorbereitet. 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 g6 4.d4 cxd4 5.Sxd4 Lg7 6.Sb3 d6
[6...Sf6 ist hier gebraeuchlicher]
7.Lg5 Viktor reagiert gleich euphorisch. Die Entwicklung des weissfeldrigen Laeufers waere m.E. vorzuziehen. Le6 Mutet seltsam an, aber so hat man das als Schueler gelernt. 8.Le2 Sa5 9.Sd4 Da
[9.Lb5+ ausgelassen wurde, kommt es zu dem bekannten Abtausch auf c4, mit problemlosem schwarzen Ausgleich.]
9...Lc4 10.O-O Sf6 11.Lxc4 Sxc4 12.De2 Tc8 13.b3 Sb6 14.Db5+ Das folgende Damenmanoever ist die Kroenung der weissen Orientierungslosigkeit. Zudem frisst es jede Menge Zeit. Dd7 15.Da5?? Tc5! Nur ein Rufzeichen,wie der Partieverlauf zeigt. 16.Dxa7 Txg5 Nach
[16...Sc8 ist die Partie wohl auch fuer einen GM nicht mehr zu retten. Den Sieg vor Augen beachtete ich nur eine vermeintlich forcierte Variante.]
17.Dxb6 Dh3 18.Db5+ Txb5 19.gxh3 Tc5 20.Sa4 Tg5+ 21.Kh1 Sxe4 Nun scharten sich natuerlich die Kiebitze ums Brett. Wann erlebt man schon einmal solch verkehrte Vorzeichen bei Meister gg. Amateur? 22.Tad1 Td5 23.f3 Sg5 24.c3 Sxh3 25.Sb6 (1:20) Th5 (1:21) 26.c4 Sf4 27.Tfe1 Le5 28.a4 Se6 29.Sxe6 fxe6 30.Te2 Tf8 31.Td3 Th3 32.Tf2 Tf4 33.a5 Tfh4 34.Tdd2 Lg3 35.Tg2 Lf4 36.Tdf2 Le3 37.Tf1 Lxb6 Bis hierher kann ich mit der Partie ganz gut leben. Nur ist es doch eine nicht zu unterschaetzende Buerde -gegen einen GM- gewinnen zu muessen. Haette auf dem Weg zum Sieg noch 'ne Zugwiederholung mitnehmen sollen.
[37...Lf4]
38.axb6 Kd7 39.Tc2 Kc6 40.Te1 Schwarz haelt alle Truempfe in der Hand. Leicht irritiert darueber, dass der Gegner wenigstens Mal einen Bauern angreift, entschloss ich mich etwas zoegerlich, aber doch vom Sieg ueberzeugt zu Txf3 Leider war das Blaettchen einen Tick schneller als ich. Mancher hat schon total paralysiert gegen eine digitale Uhr verloren, aber sich so zu verzocken, das habe ich noch nicht erlebt. Das Turnier war natuerlich fuer mich gelaufen. Den fassungslosen GM Teske werde ich nie vergessen. Seitdem bringe ich mich, um derartige Milimeterentscheidungen zu vermeiden, vorher oft schon selbst um. Viktor nahm die Sache voellig emotionslos zur Kenntnis, vermerkte das 1-0 auf seinem Formular, meldete das Ergebnis und holte sich in einem Feld von 182 Teilnehmern den geteilten 1.Platz. (Denkbar war z.B. 41.Txe6 Txb3 42.c5 Tg4 43.Tc1 Kd7 )

1-0

Die nächste Partie dürfte auch wiederum typisch sein. Der Meister riskiert nichts, sitzt und wartet. Zumeist ist dieses Vorgehen auch von Erfolg gekrönt. Gegen einen Gegner von di Napolis Format muss er dabei allerdings zumindest in Kauf nehmen, dass man noch am Brett sitzt, während der Coach längst die Berge des Sauerlandes erkundet.

GM Lau, R. - Napierala, D.
Willingen, 1999

Dieter Napierala


Nachdem ich die ersten 2 Runden erfolgreich gestalten konnte, erhielt ich in der 3. Runde Grossmeister Ralf Lau zugelost. Eine dankbare Aufgabe, da man in einer solchen Partie einfach nichts zu verlieren hat. Einziges Ziel war es, nach Moeglichkeit nichts einzustellen und solange wie moeglich Widerstand zu leisten. 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.f3 g6 merkwuerdi gerweise gibt mein Computer an dieser Stelle nur e6 oder e5 als theoretische Moeglichkeiten an. Eine nette Variante waere
[5...e5 6.Lb5+ Sbd7 7.Sf5 d5 ohne dieses Bauernopfer steht Schwarz einfach nur passiv 8.exd5 a6 9.Lxd7+ Dxd7 10.Se3 b5 11.c4 und Schwarz hat in dieser unklaren Stellung genuegend Kompensation fuer den Bauern. Aber die Moeglichkeit zum Drachenfliegen lasse ich mir natuerlich nicht entgehen.]
6.c4 Mist, nicht Le3, Dd2, O-O-O und Kampf bis aufs Blut. Jetzt gibt es Maroczy-Bilder mit Stellungen in denen Weiss immer schoen kneten kann. Also genau das richtige in einer Paarung Grossmeister gegen Patzer. Lg7 7.Sc3 Sc6 8.Le3 O-O 9.Dd2 Sxd4 eine andere Moeglichkeit waere Ld7 mit der Idee Se5, Tc8 und Belagerung des Punktes c4 (+ Hebel b5) oder einen Zug spaeter Sd4: gefolgt von Lc6 10.Lxd4 Le6 11.Le2 Da5 12.b3 Tfc8 das Schoene (und Gefaehrliche) an diesem Aufbau ist, dass beide Seiten ohne viel Zeitverbrauch Zuege nach Schema F machen koennen. Eine Alternative waere an dieser Stelle Tac8 gewesen, um den F-Turm zur Unterstuetzung von spaeterem Gegenspiel durch den Bauernvorstoss f5 an seinem angestammten Platz zu belassen. 13.Tb1! Offenbar wollte auch GM Lau vom allzu schematischen Aufbau abweichen. Tb1 hatte ich in der Stellung noch nicht auf dem Brett. Normal waere ein Aufbau mit Tc1, O-O und Tfd1. Schwarz baut sich mit a6 und b5 auf. Eine Moegliche Variante waere
[13.Tc1 a6 14.O-O b5 15.cxb5 axb5 16.Tfd1
(16.Lxb5 Txc3 17.Txc3 Dxb5)
16...Tc6 17.Db2 b4 18.Sa4 Der schwarze Bauer auf b4 kann zwar im Endspiel schwach werden, im Moment muss sich Weiss aber staendig um seine Schwaeche auf a2 sorgen.]
[13.O-O b5! und es gibt schoene Varianten: 14.cxb5?!
(14.b4 Dxb4 15.Tab1 Da3 16.Sxb5 Da6 da Weiss aufgrund der Gegenueberstellung von Dame a6 und Laeufer e2 im guenstigen Moment c5 durchsetzen kann.)
14...Sxe4 15.fxe4 Lxd4+ 16.Dxd4 Dxc3]
13...a6 14.O-O Ld7 merkwuerdige Entscheidung meinerseits. Es ist in dieser Stellung zwar richtig b5 durchzusetzen, Sd7 mit Abtausch des Laeufers ist stellungsgemaesser. Sofortiges b5 scheitert an b4, und schon verstehe auch ich Tb1. 15.Tfd1 Le8 ...Lc6 ist logischer 16.Kh1 Dd8?! es "drohte" Lf6: in Verbindung mit Sd5. Dh5 und Kf8 waren sinnvolle Alternativen die Drohung abzuwehren. Die nach Dd8 entstehende Gegenueberstellung von Dame und Turm sorgt bald fuer Schwierigkeiten. 17.De3 Sd7 18.Lxg7 Kxg7 19.Sd5 Tc6 e6 war die Alternative, aber irgendwie schien mir dann der schwarze d-Bauer laut um Hilfe zu schreien. 20.f4 Sb6 21.Sb4 Tcc8 22.e5 a5 23.Sd5 mit diesem Zug war der GM im Nachhinein nicht zufrieden. Er verdirbt zwar nichts, Sc2 war aber eine netteAlternative
[23.Sc2 d5 24.e6 Dc7 25.Dd4+ Kg8 26.Se3 fxe6 27.Lg4 Lf7 28.cxd5 Sxd5 29.Sxd5 exd5 30.Lxc8]
23...Sxd5 24.Txd5 Lc6 25.Td2 De8 26.exd6 exd6 27.Dd4+ Kg8 28.Ld3?! Tbd1 gewinnt einfach den d-Bauern. Schwarz muss schon nach Schwindelchancen suchen.
[28.Tbd1 De7 29.Dxd6 Dh4 30.Kg1 Td8 31.Dxd8+ Txd8 32.Txd8+]
28...De7 29.Kg1 Te8 30.Tbd1 Dh4 31.Df2 Dxf2+ Dieser Damentausch wurde vom GM getadelt. Ich bin mir da nicht so sicher. Die einzig sinnvollen Felder fuer meine Gute waren h5 und f6, worauf mir die Moeglichkeit f5 nicht gefiel. 32.Kxf2 Te6 33.Lf1 Td8 34.g3 f5 35.Td4 Kf7 36.T1d2 Meister Lau spekuliert inzwischen auf meine horrende Zeitnot und macht nuetzliche nichts drohende Zuege. Le4 37.Lg2 Lxg2 38.Kxg2 b6 39.Td5 Ke7 40.Tb5 Tb8 puh, geschafft und hingeschaut. Die Stellung ist nicht so schlecht, dass ich mich und meinen Gegner nicht noch eine Weile quaelen koennte. 41.h3 Kd7?! h5 um das Durchsetzen von g4 zu erschweren ist besser. 42.g4 fxg4 43.hxg4 Kc6 44.Kf3 Tbe8 45.Tbd5 Te3+ 46.Kf2 T3e6 47.Kg3 Tf8 48.T2d4 Tff6 49.Kf3 Te1 50.Td1 Te7 51.a3 Tfe6 52.T1d3 Tf7 53.Te3 Tef6 54.Te4 Kd7 55.Tb5 Kc6 56.Kg3 Tf8 Die letzten 15 Zuege waren nicht uebermaessig aufregend, hatten aber eine im Duell zwischen Grossmeister und Patzer nicht unbekannte Folge. Vor lauter Aufregung, immer noch gute Remischancen zu besitzen, sieht man ueberall Gespenster und verbraucht viel zu viel Zeit. 57.Td5 T8f7 jetzt war es Zeit fuer eine Majestaetsbeleidigung, ich bot ganz locker Remis an, und das auch noch eine Minute nachdem ich meinen Zug ausgefuehrt hatte. Wie schaendlich!! Der Grossmeister erteilte mir eine kurze Erlaeuterung ueber Regeln und Anstand, fuehrte ... 58.b4 ... aus und machte sich freundlicherweise auf den Weg um neue Spielformulare fuer uns beide zu besorgen. axb4 59.axb4 Kd7 60.Tb5 Kc6 61.Td5 Kd7 62.Kf3 Tf8 63.Tb5 Kc6 64.Ke3 T8f7 65.Td5 Kd7 66.Td2 eigentlich mal wieder Zeit fuer ein Remisangebot oder? Na lieber doch nicht. Te6 ohne es zu sehr mit Varianten zu untersetzen glaube ich gefuehlsmaessig, dass im Doppelturmendspiel meine Remischancen hoeher sind. Eine Moeglichkeit waere
[66...h5 67.gxh5 gxh5 68.b5 Tf5 und Weiss hat noch zu arbeiten.]
67.Ta2 Txe4+ 68.Kxe4 Ke6? Kc6 war notwendig. Eine moegliche Variante waere
[68...Kc6 69.f5 gxf5+ 70.gxf5 Te7+ 71.Kf4 Tf7 72.Td2 h6 73.Th2 Tf6]
69.Ta6 Tc7 70.f5+ gxf5+ 71.gxf5+ Ke7 auch
[71...Kf6 hilft nicht mehr 72.Kd5 Tb7
(72...Ke7 73.Txb6 Td7 74.f6+ Kxf6 75.Txd6+ Txd6+ 76.Kxd6 h5 77.c5 (77.Kd5 Kf5 78.c5))
(72...Kxf5 73.Txb6 h5 74.Txd6 Th7 75.b5 h4 76.Td8 h3 77.Tf8+ Kg4 78.Tf1)
73.Kxd6 Kxf5 74.Kc6]
72.Kd5 b5 Verzweiflung !! Aber ist in der Stellung eigentlich auch egal. Der Rest ist Schweigen. 73.cxb5 Tc1 74.f6+ Kxf6 75.Txd6+ Ke7 76.Tc6 Td1+ 77.Kc5 h5 78.b6 Td7 79.Th6 Kd8 80.Th8+ Ke7 81.b7
Zum Zeitpunkt der Aufgabe hatte ich noch 10 Sekunden auf der Uhr Meister Lau 2 Minuten bis zum letzten Blättchenfall. (gespielt wurde 2h/40 Züge+1h bis Ende)


1-0

Am Ende doch noch verkehrte Vorzeichen - dank Normi und eines Meisters, der die Übersicht verliert. "That's not chess for me!", soll er nach der Partie gesagt haben...

Schuetze, N. - IM Lobshanidze, D.
Apolda, 2000

Norman Schuetze


1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.c3 Sf6 5.d4 exd4 6.e5 Ich wollte auch gegen einen IM auf Angfiff spielen und mich nicht auf das langweilige
[6.cxd4 Lb4+ 7.Ld2 Lxd2+ 8.Sbxd2 d5 9.exd5 Sxd5 einlassen.]
6...d5 7.Lb5 Se4 8.cxd4 Lb4+ Obwohl noch alles im Buch steht, verbrauchte mein Gegner immens viel Zeit bis hierher und wollte auch in der Folge nicht schneller werden. 9.Ld2 Lxd2+ 10.Sbxd2 O-O 11.Tc1
[11.Lxc6 bxc6 12.Dc2 Ich sah diese Variante, wollte mich aber nicht von meinem Laeufer trennen, der ja schliesslich noch auf der Diagonale b1/h7 aktiv werden sollte.]
11...Ld7 12.Ld3 Sg5 13.h3?
[13.Db3]
[13.Sxg5 Dxg5 14.Sf3 Df4
(14...Dxg2? 15.Lxh7+ Kh8 (15...Kxh7 16.Tg1) 16.Tg1 Dh3 17.Lb1)
15.O-O]
13...Se6 14.Sb3 Sf4 15.O-O?
[15.Lf1 f6 16.g3]
15...Sb4 16.Lb1 Lb5 17.Dd2 Se2+ 18.Kh2 Sxc1 19.Txc1 Zugegeben: In den letzten 5 Zuegen wurde ich ziemlich ueberspielt, aber was nuetzt es, wenn nur noch 20 Minuten uebrig sind. Sa6
[19...Sc6!? Sperrt zwar den Laeufer aus, aber es ist nicht leicht an ihn heranzukommen.]
20.Tc3 f5 21.Sg5 De7 22.g4 Und es ist wie immer: Wenn ich etwas weniger habe, angreifen und verkomplizieren um jeden Preis! h6 23.Sh7?! Kxh7 24.gxf5 Objektiv habe ich einfach einen Turm weniger und nur eine einfach abzuwehrende Drohung. Aber Lobsha wurde in den letzten Zuegen immer nervoeser und seine Zeit schwand weiter dahin. g6?!
[24...Dh4]
25.f6 Txf6? einen IM, dem so die Nerven durchgehen und das gegen einen Patzer wie mich, habe ich noch nicht gesehen. 26.exf6 Dxf6 27.Tg3 So, der Me hrturm ist dahin. Was bleibt, ist ein Bauer und schlecht platzierte Figuren. Le8 28.Kg2! Psycholgisch einfach sensationell. Mein Gegenueber verbrauchte erstmal wieder 30 sec. um den Sinn dieses Zuges zu verstehen, dabei hatte er keinen ausser den f2 zu decken. Td8 29.Ld3 Td6 30.Sa5 Tb6 31.Dc3 Kg7 32.b4!?
[32.Lxa6 bxa6 33.Dxc7+ Lf7 34.Sb3
(34.Dxa7 Te6 (34...Txb2? 35.Tf3 Dg5+ 36.Kh2))]
32...Sxb4 33.Dxc7+ Kg8?
[33...Df7 34.De5+ Kg8]
34.Dc8 Sxd3?
[34...Df7 Ich glaube, Lobsha war im staendigen Wahn, dass g6 haengt. Dabei war der mehr als zuverlaessig gedeckt. Gut, dass ich den Laeufer nicht getauscht habe. Er hat seine Aufgabe mehr als gut auf der ihm zugeteilten Diagonale getan.]
35.Dxe8+ Kg7 36.Dd7+?!
[36.Txd3 mit der Idee Tf3]
36...Df7 37.Dxf7+ Kxf7 38.Txd3 Ta6 39.Sxb7 Txa2 40.Sc5 Und es kam wie es kommen musste: Zue. Hinterher musste ich mich noch wuest beschimpfen lassen, was mir denn einfiele auf seine Zeit mitzuschreiben. Aber was kann ich dafuer, dass er so langsam ist. Am naechsten Tag entschuldigte sich Lobsha allerdings umgehend, was mich zu dem Schluss kommen lies: IMs sind nicht nachtragend.

1-0

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