Ein Erlebnisbericht von Daniel Wanzek (Lieskau)
Oder: Lässt sich solch ein Chaos noch überbieten?


Am 2. Weihnachtsfeiertag fuhren wir (12 SCHACHSPIELER - dies sollte alles erklaeren!) bei schoenstem Schneetreiben mit Sommerreifen (die Winterreifen allerdings im Gepaeck - sehr loeblich!) in aller Herrgottsfruehe (die einen mehr, die anderen weniger!?) gen Westen. Nachdem, der Zeit, die uns im Nacken sass, trotzend, die Suedharzautobahn konsequenterweise gemieden wurde, Volly irgendwann auch einen ihm genehmen Bahnhof zum Aussteigen nutzte, Ambrosi so ziemlich jeder Toilette auf dem Weg einen Besuch abstattete, kamen wir sogar noch an o.g. Tag in Duesseldorf an (!), allerdings 100 Minuten nach Anpfiff der ersten Runde, so dass - welch Wunder! - einige von uns ihren Gegner nicht auffinden konnten und erstmal solide einen Punkt kampflos abgaben. Das Ganze humorvoll zu nehmen, fiel sehr schwer und mir nicht ein - so war fuer die richtige Stimmung erst einmal gesorgt.
In den Runden 2 und 3 fuhr ich "souveraen" meine Punkte ein, hievte mich somit aus dem "totalen Nichts" immerhin in die erste Tischreihe der Durchschnittsschaecher, den begehrten ersten fuenf Brettern (abgegrenzt) naeherkommend. Irgend jemand musste doch schliesslich GM Konstantin Landas Start-Ziel-Sieg stoppen, doch noch lagen 20 Bretter dazwischen. Kleiner Scherz am Rande, aber bei fuenf Siegen en suite in den Runden 2 bis 6 bestand immerhin die Moeglichkeit, in der letzten Runde einen nominell staerkeren Gegner bzw. etwas Preisgeld abzukriegen. Doch dies sollte Fiktion bleiben...
Hier nun die Partie, streckenweise voellig unsachlich und unzensiert - versteht sich!, - die alle Traeumereien zunichte machte. Varianten mit freundlicher Unterstuetzung von Lt. SCoobi. Da ich "Fritz" kategorisch ablehne, weil er etliche Zuege von mir sowieso nicht verstehen und sie mit banalem "+1.59684" aufwaerts voellig trocken kommentieren wuerde, wird man hier auch keine endlos langen Variantenbaeume finden. Der geneigte Leser moechte mir ausserdem nachsehen, dass ich keine Verbesserungen, was die Eroeffnung angeht, ausplaudere.


Angermuende, D. - Wanzek, D.
Postopen Duesseldorf, 2000
Daniel Wanzek


Nachdem wir eine Uhr aufgetrieben hatten (keine Selbstverstaendlichkeit!), konnte es dann losgehen.. .
1.e4 d5 2.exd5 Skandinavisch - wie schoen! Meine Leib- und Magen-Eroeffnung. Ein schnelles Ende vorprogrammiert. Die Planungen fuer den Abend koennen beginnen. Dxd5 3.d4 Eine der minderwertigen Varianten. Schwarz gleicht problemlos aus!? Sc6 4.Sf3 Lg4 5.Le2 O-O-O Es ist erreicht: die Wanzeksche Traumstellung! Der Damenfluegel ist ideal entwickelt, der Koenigsfluegel stoesst je nach Lage hinzu. 6.Le3 Sf6 7.O-O Was soll denn das? Wo bleibt Sb1-c3? Ich will doch meine Dame ziehen, damit die gegnerische Dame meinem Turm unmittelbar gegenuebersteht! Da kann man schon mal meine Wuensche ignorieren! Trotzdem: Dh5? 8.h3! Hast du dir wohl so gedacht, was? e5? auf's Bret t haemmernd, waehrend mir so langsam bewusst wird, dass solch eine Aufstellung nur bei gegnerischem Sc3 von Erfolg gekroent ist. 9.Sbd2! Nun kam mir endlich die fuer mich toedliche Variante 9...exd4? 10.hxg4! Sxg4 11.Lf4 Ld6 12. Sh2! und aus! Auf hingegen 9.hxg4 Sxg4 10.Sbd2 waere 10...Sxd4 sehr effektvoll gewesen. Aber so kam es leider nicht. Zu lange habe ich mit 9.hxg4 Sxg4 10.Sh4 f5 nebst ...g5 beschaeftigt, was fuer Schwarz m.E. gut spielbar ist, weshalb mir die Moeglichkeit Sh2 vollkommen entgangen ist. exd4 Augen zu und durch! Immerhin gibt es fuer die Figur zwei Bauern!? 9...Lxf3 erscheint mir doch zu feige und waere das Eingestaendnis, dass der schwarze Aufbau verfehlt und ohne Biss ist. 10.Lf4?? Puuuh!! Durchatmen! Er hat es mir geglaubt! Oder hat er 10.hxg4 Sxg4 11.Lf4 Ld6 (daran hab ich mich ja geklammert) 12.Sh2 f5 13.Lxd6 nebst 14.Sxg4 nicht gesehen? Egal. Die Brust schwillt wieder an. Das Recht des Staerkeren hat sich einmal mehr durchgesetzt! Df5 Die Partie langsam zu meinen Gunsten abhakend, begab ich mich erstmal in Richtung Bar. 11.Lg3?! Verstellt dem g-Bauern den Weg, so dass ich nicht zum Abtausch meines Helden, des weissfeldrigen Laeufers, der dem Tod schon in's Auge gesehen hat, gezwungen bin. Lh5 Ich spiele lieber mit so vielen Figuren wie moeglich - es macht einfach mehr Spass! 12.Ld3 Bei 11.Lh2 waere jetzt 12.g4 moeglich gewesen. Dd5 Kurzer Szenenwe chsel: Nachdem soeben am Nachbarbrett Sfr. Windelband unfreiwillig fuer Erheiterung gesorgt hat, fuehre ich mir genuesslich seine Position zu Gemuete. Windel hat ebenfalls als Nachziehender fuer mich todlangweilig an der Wolga Stellung bezogen und jagt dem Minusbauern hinterher. Da gefaellt mir doch meine Stellung ewig besser! 13.Lc4 Was sonst? Dd7 14.Sb3 Sieht ja a lles fast nicht hilflos aus! Kurze Bestandsaufnahme: Ich habe einen Bauern mehr, die schoenere Figurenstellung und die bessere Aussicht auf Koenigsangriff - was hat Weiss? Nichts! g5?! Die Einleitung zum letzten Akt! Lang wird's doch wohl nicht mehr dauern?! 15.Le2 Auf den ersten Blick sieht der Zug wenig Ambi-tioniert aus. Langsam, mich halb am Kaffee verschluckend, daemmern mir jetzt die Konsequenzen meiner ach so sorglosen Spielweise. Auf geplantes 15...g4 ist 16.Se5 sehr effektvoll. Ein Bauer wird wohl demnaechst wieder fallen. Die schwarze Position ist also doch nicht so gut? Dem entgangenen 14...Ld6 mit Figurentausch und der an der Bar verjubelten Zeit nachtrauernd, setze ich meinen Koenigsangriff so gut als moeglich fort, die Gewitterwolken ueber mir ignorierend. Er wird doch noch einen groben Bock hinterherschiessen? Lxf3 16.Lxf3 h5 17.Dd3 g4 18.Lxc6 Dxc6 19.Sxd4 Das war also der Mehrbauer... De4 Ganz schoen grausam, wenn man zum Damentausch gezwungen ist. 20.Dc4 Hurra! Die Damen bleiben auf dem Brett; allerdings steht mein Koenig ziemlich allein da. Ld6 Nun also doch! 21.Tfe1 Dg6 22.Lxd6 Txd6 23.Sb5 Td7 24.Dc5!? 24.h4 erscheint uns auf jeden Fall sicherer. gxh3 25.g3 Sg4 Das muss doch reichen, vom Gefuehl her! 26.Tad1 Zum Kotzen! Umsonst an den Folgen von 26.Dxa7 gerechnet (26... h2+ 27.Kg2 Dc6+, und Weiss sollte den Loeffel abgeben). h2+ 27.Kg2 h1=D+ 28.Kxh1 Sxf2+? Die Einleitung mit dem Bauernopfer war superkrass und konkret, aber jetzt? Mit nur noch zwei Minuten auf der Uhr sehe ich den forcierten Gewinnweg nach 28... h4 nicht.
[28...h4!! 29.Txd7 hxg3+ 30.Kg2 Th2+ 31.Kf3
(31.Kxg3 Se3+ 32.Kf4 Sg2+)
31...Df6+ 32.Ke4
(32.Ke2 Dxf2+ 33.Dxf2 Txf2+ 34.Kd3 Kxd7)
(32.Kxg4 Th4+ 33.Kxg3 Df4+ 34.Kg2 Dg4+ 35.Kf1 Th1#)
(32.Kxg3 Dh4+ 33.Kf3 Txf2+ 34.Ke4 Se5+ 35.Kxe5 Df4+ 36.Kd5 c6+)
32...Sxf2+ 33.Ke3 De6+ 34.Kf3
(34.Kf4 Dg4+ 35.Ke5 Th5+ 36.Kf6 Txc5 (36...Dg6+?? waere ein Schach zuviel 37.Ke7!))
34...Dg4+ 35.Ke3 De4+ 36.Kd2 Sd3+]
29.Dxf2 Dc6+ 30.Kg1 Dxb5 31.Dxa7 Da6 Bittere Notwendigkeit! 32.Dxa6 bxa6 33.Kf2 Txd1 34.Txd1 Th6 35.Td5 Tc6 36.c3 Tb6 37.b3 Th6 38.Tf5 Th7 39.Tf6 Kb7 40.Kf3 c6 Die Zeit geschafft. Aber es sind nur noch Truemmer, die es jetzt zu verwalten gilt. Die Zeichen der Zeit verkennend, fighte ich weiter auf Sieg. Ob ich dabei auch auf das Brett geschaut hab? 41.Kg2 Kb6 42.Tf5 a5 43.a4 Ka6 44.Kh3 Nun erkenne auch ich den Sinn von 41.Kg2. Kb6 45.Kh4 Tg7 46.Txh5 Ka6 47.Tg5 Th7+ 48.Kg4 Th1 49.Tf5 Tb1 50.Txf7 Txb3 51.Tf3 Ta3 52.Kf5 Txa4 53.g4 Ta1 54.g5 a4 55.g6 Tg1?? In dem Wahn, besser zu stehen, unterlaeuft mir der letzte Fehler.
[55...a3 56.g7 Tg1 57.c4 a2 58.Ta3+ Kb6 59.Kf6 Tf1+]
56.Tf4 Natuerlich! Kb5 57.Tb4+ Ka5 58.Tg4 Tf1+ 59.Ke6 a3 60.Tg2 Te1+ 61.Kd7 Kb5 62.g7 a2 63.g8=D Td1+ 64.Kc7 a1=D 65.Db3+ Kc5 66.Tg5+ Das Matt will ich mir dann doch nicht zeigen lassen. Man hat ja auch seinen Stolz. Reiche die Hand zur Aufgabe hinueber. Baue flink die Figuren auf und trolle mich vom Tatort, um dem Gegner nicht die Moeglichkeit zu geben, mir gegenueber die Partie zu kommentieren. Waehrend ich mit Altbier versuche, die Partie zu ersaeufen, philosophiere ich darueber, ob es nicht doch besser waere, das Hobby zu wechseln. Was ist denn mit Boxen?! GM Konstantin konnte mit 6,5/7 sicher das Open gewinnen. Nach sechs Runden hatte ich meinen DWZ-Verlust dank tatkraeftiger Mithilfe meiner Gegner gegen Null geschraubt, bevor in der 7. und letzten Runde am Silvestermorgen noch eine 1900 nachwusch. Doch zum Glueck gibt es ja noch den Coach, der uns, so wie er halt ist, wieder fuer Silvester fit spritzte...

1-0