Eine teuflische Aufgabe

Eigentlich ist ja bei Schachaufgaben fast immer der Weiße am Zug. Damit ist der Führer des weißen Heeres schon im Vorfeld als strahlender Sieger vorbestimmt. Der Schwarze ist dann wieder der Dumme, wenn er nach der vorgegebenen Abwicklung seinen Scherbenhaufen zusammen lesen muß. Das Licht siegt über die Finsternis. Bei der nachfolgenden Mattaufgabe ist es dieses Mal ganz anders:

Schwarz ist am Zuge und soll den Weißen nach drei Zügen matt setzen

Ausgangsstellung

Doch Wille und Tat sind oft grundverschiedene Sachen. Schon beim ersten Augenschein erkennt der Betrachter ein nicht so ganz gelungenes F - Monogramm. Hier, in "Auerbachs Keller" zu Leipzig, - so wird berichtet - soll der Dr. Heinrich Faust im Kreise einiger Zechkumpane seinen teuflischen Gönner Mephisto mit nachfolgend aufgezeichneter Mattaufgabe geärgert haben. Schwer machte es dem Doktore zu schaffen, dass er dem finsteren Gesellen einst seine Seele verkauft hatte und so ging er sich öfter daran, dem Vertreter der Nacht eins auszuwischen. Natürlich zögerte Mephisto, Freund jeglicher Spiele, keinen Augenblick und machte sich sofort an die Lösung, denn einen Gegner Matt zu setzen entsprach sein Naturell.
Schnell setzte Mephistopheles die ihm so wohlgefälligen schwarzen Steine übers Brett. Der Weiße konnte zweimal die Schachgebote abwehren. Soweit, so gut, die Züge
1. ... Da8e4+
2. Sc3e4 Tf7-f3+
3. Sd4f3 ...
brachten nachfolgende Stellung aufs Brett:

Stellung nach dem 3. Zug von Weiß

Schon hat der teuflische Geselle den Turm, welcher auf b2 stand, in der Hand um sein Werk zu vollenden, denn er wollte eiligst und ohne Umschweife
3. ... Tb2-e2 + matt
spielen.
Doch genau so schnell wie er bisher gezogen hatte, ließ er den berührten Turm fallen und warf mit einem Handstreich alle Figuren vom Brett. Mit der Bemerkung: "Diese Aufgabe ist nicht lösbar" verließ er unter Donnergetöse "Auerbachs Keller".
Nun ein jeder erkennt den Mattzug, doch für Mephisto war die dadurch zu entstehen drohende und unten abgebildete Stellung nicht tragbar.
Er, der das Kreuz genau so fürchtet wie Weihwasser und Weihrauch, wurde an diesem Ort lange nicht mehr gesehen. Und wieder konnte der Schwarze keinen Sieg davontragen ...

Schlussstellung

aufgestöbert und kommentiert von Konrad Reiß

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