Es ist wieder so weit:

Folge 6: Binky & Prain oder: Nie wieder Mäuseversuche

Wißt ihr, wie das ist, im Körper eines anderen Men... äh ich meine im Körper einer anderen Maus zu stecken?? Natürlich nicht! - Ihr seid ja Menschen! - Wie es dazu kommen kann, worauf man sich einstellen sollte und mit welchen (Spät-)folgen man rechnen muß, davon soll diese Geschichte erzählen. Es war ein ganz normaler Wochentag. Es schien zumindest so. Daß dies nur Schein war, gründet sich auf die Tatsache, daß ich nunmehr von DIESEM Tag berichte. Als der Wecker schellte, gähnte mich Pinky mit verschlafenen Augen in seinem rosafarbenen Schlafanzug, natürlich nicht ohne beim weiten Ausstrecken der Arme eine Kaffeetasse, die noch seit gestern nicht von ihm weggeräumt worden war, an. "Morgen Brain." bekam er gerade noch heraus. "Hi Pinky", antwortete ich gedankenversunken, denn ich war bereits seit Stunden wach, um einen neuen Weltherrschaftsplan zu entwickeln, der von diesem JETZT sich langsam bequemenden Mäuse-etwas mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit "verhindert" werden würde. Pinky sammelte die Scherben der Tasse auf und beförderte sie (er versuchte es zumindest) mit keineswegs profihaften Würfen in den wenig entfernt stehenden Mülleimer. Seine Trefferquote stand seinem Intellekt in nichts nach - sie war verdammt niedrig und durch Training wohl kaum verbesserbar. "Was machen wir eigentlich heute abend?" fragte er, als sich die Scherbenanzahl aufgrund eines Fehlwurfes, der an der Mülleimerkante landete, wieder um 1 erhöhte. "Dasselbe, was wir jeden Abend machen. Wir werden versuchen die Weltherrschaft an uns zu reißen!" antwortete ich ganz gelassen. "Aber, aber - wie wollen wir das denn machen, Brain?" "Das laß mal meine Sorge sein, Pinky. Kümmere du dich um den Schaden, den du angerichtest hast, ehe der Professor zurück ist. Er wird ganz und gar nicht erfreut sein, wenn du bis dahin diese Unordnung nicht beseitigst hast."
Daß wir Labormäuse sind, ist ja allseits bekannt. Daß unsere "Wohnung" im Labor aber gleichzeitig das "Arbeitszimmer" eines der wohl fähigsten, aber mit uns gebeutelten! (siehe später) Wissenschaftler der Neuzeit ist, ist wohl bisher wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Warum auch, der sich meistens mit einem weißen Kittel in anderen Laboren des Gebäudes aufhaltende junge Mann läßt uns meistens "freie Hand", benötigt er uns nur manchmal zu diesem oder jenem "Projekt". Wie letztens, als ich durch so ein Labyrinth aus vielen Plastikröhrchen ein Käsestück finden sollte. Das war natürlich kinderleicht - selbst mit verbundenen Augen wäre das in Nullkommanichts "gegessen" gewesen. Aber er freute sich wie ein Schneekönig, hüpfte wild im Labor herum, schrie umher und notierte Meßwerte, die er an einer von ihm entwickelten etwas kompliziert erscheinenden Apparatur hastig ablas. Als er jedoch Pinky durch das Labyrinth schickte, der an diesem wie auch an den meisten anderen Tagen wieder mal völlig müde in die Welt hineinschaute, blickte er sehr grimmig drein. Sollte es damit zusammenhängen, daß Pinky nichts besseres zu tun hatte, als das Labyrinth schnellstmöglich in Richtung Bett zu verlassen?? Er zertrümmerte wie von der Tarantel gestochen kurz darauf seine in Monaten entwickelte Apparatur, fluchte etwas mir Unverständliches vor sich her und verließ dann wütend und irritiert das Labor. Natürlich nicht, ohne die Tür hinter sich zuzuschlagen. Hmm - Menschen!? Komischerweise notierte er in meinem Ohr tags darauf ein "i", während Pinky ein "s" erhielt. Wofür das aber stehen sollte, weiß ich bis heute nicht.
Aber wie gesagt - die meiste Zeit läßt er uns in Ruhe. Das ist ja auch besser so. Schließlich brauchen wir - also zumindest ich - die Zeit, um mir meine Gedanken über dieses und jenes zu machen. Heute aber schien er wieder etwas vorbereitet zu haben. Auf einem kleinen Tisch war eine Art Wagschale aufgebaut. Jedoch war noch jeweils ein Eierbecher angebracht, von dem aus einige Kabel wegführten - teils zum anderen Eierbecher über dem anderen Teil der Wagschale, teils zu einem das ganze "Projekt" überwachenden Computer, der allerlei Skalen und Meßdaten anzeigte.
Pinky hatte gerade jeglichen Schmutz beseitigt, da öffnete sich die Labortür und der Professor stand in der Tür - sich die Hände reibend - als würde er nun zu einer von langer Hand vorbereiteten Tat schreiten, die er für sehr erfolgversprechend hielt. Irgendetwas in seinen nicht vorhandenen Bart murmelnd, packte er Pinky und mich (wir waren das schon gewöhnt) im Nacken und setzte jeden von uns auf eine Seite der Wagschale.
Dann setzte er uns beiden den Eierbecher auf den Kopf redete sich selbst anscheinend gut zu, begutachtete die Kabellei, die an Unübersichtlichkeit und Vielfalt wahrlich kaum zu überbieten war und setzte sich dann an den Computer. Pinky und ich harrten der Dinge, die da kommen sollten. Es liegt einfach in unserer Natur, daß wir uns (ausgenommen Pinky vor dem Labyrinth) meistens kooperativ verhalten. Plötzlich wurde mir warm am Kopf. Der Professur hatte einen Regler in eine bestimmt Richtung gedreht und schaute uns nun mit aufgerissenen Augen an, als erwarte er irgendeine bestimmte Reaktion von uns.
Nach vielem Zischen, Knacken, Pfeifen und einem großen Knall, der das halbe Labor verrauchte, wurde es wieder still. Der Professor hämmerte auf der Tastatur herum, schaute uns beide verstohlen an, als wolle er irgendeinen Unterschied feststellen und wandte sich dann wieder zum Computer. Mir irgendwie unerklärlich, entwickelte ich einen Heißhunger auf Käsesandwich (Pinky's Lieblingsspeise), stieß eine vor mir stehende Kaffeetasse vom Tisch, so daß sie auf dem Boden zerschellte und als ich Pinky betrachtete, brachte ich nichts weiter als ein "Narf!" heraus!! Zudem gefiel die mir plötzlich auffallende Leere in meinem Kopf ganz und gar nicht! Irgendetwas Seltsames war geschehen! Pinky nahm sich eilig ein Stück Papier (etwas was ich vor den Augen des Professors immer vermieden hatte, sollte er doch unsere "wahre Begabung" nie herausbekommen, so daß wir in Ruhe "arbeiten" konnten) und kritzelte wild darauf herum. Außerdem wirkte er verdammt nachdenklich und legte einen Gesichtsausdruck an den Tag, den ich nie zuvor an ihm gesehen hatte. Irgendwie hatten wir die "Identität getauscht" schien mir!? Als sich der Professor wieder umdrehte, riß er Pinky den Zettel aus der Hand. Nach einigem Umformen war am Ende des Zettels E=mc2 zu lesen. Daraufhin rannte der Professor wie wild aus dem Labor, nicht ohne vorher irgendwas mit "...Sensation..." und "...unfassbar..." von sich gegeben zu haben. Pinky sprach irgendwas von "...Weltherrschaft..." und das ich mich nicht so gehen lassen sollte und überhaupt, warum ich immer so tollpatschig sei. Ich fühlte mich wirklich unwohl... Die Chance witternd, bat ich Pinky auf meinem Sitz Platz zu nehmen und setzte mich auf den seinigen (im Nachhinein kann ich nur glücklich sein, daß mir soviel Geistesgegenwart beschieden war. Kurz darauf schob ich den Regler wieder auf die Position, wie ich es beim Professor beobachtet hatte. Nun begann mein Hoffen. Die Szenerie wiederholte sich. Es zischte, knackte, pfiff und es gab einen großen Knall. Nachdem sich der Rauch etwas verzogen hatte, sah ich Pinky von der Wagschale springen, direkt zu unserem Kühlschrank. Er nahm sich hastig ein Käsesandwich und verdrückte es sofort. Als die Leere in meinem Kopf zurückging und sich stattdessen mit allerlei Erinnerungen füllte, und Pinky ein freudiges Narf! losließ, war ich wieder beruhigt. Alles war so, wie es vorher - oder besser - wie es richtig war!
Ich machte mich sofort daran, diese "Teufelsapparatur" zu zerstören! Nicht noch einmal wollte ich "wie Pinky sein"! Wir machten die Kabel unschädlich und löschten die Festplatte! Pinky hatte meinen Anordnungen bereitwillig Folge geleistet, versprach ich ihm doch ein Käsesandwich zum Abendbrot. Wenig später kam der Professor (wild mit dem von Pinky geschriebenen Zettel gestikulierend) mit einigen anderen Wissenschaftlern in unser Labor.
Erschrocken mußte er feststellen, daß die Apparatur kaputt war. Er schien seiner Sache trotzdem ziemlich sicher und nahm sich Pinky zur Seite, stellte ihn an den Anfang des Labyrinths, was er am anderen Ende des Labors in mühevoller Kleinarbeit wieder aufgebaut hatte, legte ein Käsestück ans "Ziel" und wollte seinen Kollegen scheinbar irgendwas beweisen. Pinky jedoch kroch gelangweilt aus dem Labyrinth - verständlich, hatte er doch gerade ganz schön "gerackert"! "Das war wohl nichts mit ihrem Experiment, Herr Kollege!" sagte ein mir unbekannter Mann zum Professor. Kurz darauf leerte sich das Labor dann wieder und der Professor, kontrollierte dann jeden Tag ein Stück Papier, was er Pinky zusammen mit einem Stift hingelegt hatte. Dies war jedoch (Pinky hatte lediglich den Stift zerkaut) nicht von Erfolg gekrönt. Wahrscheinlich hatte er wieder Einsteins Formel erwartet. Typisch Mensch kann ich da nur sagen! Pinky und ich sind jedenfalls weitestgehend die alten, nur daß ich manchmal Heißhunger auf Käsesandwich habe und Pinky mich immer fragt, ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen Energie, Masse und irgendeiner Geschwindigkeit gibt!? ...
Mein neuester Plan zur Weltherrschaft beruht übrigens darauf, jeden Einzelnen mit einer Art "Gehirnwäsche" mir gefügig zu machen. Ich hatte jedoch keine Ahnung, wie ich dies realisieren sollte!? Naja, es kann ja nicht alles funktionieren! In diesem Sinne verabschiedet sich ... eine viel beschäftigte Maus.
Was wohl das "i" und das "s" bedeuten soll?

Bis bald, Brain.

Zurück zur Auswahl | Zum Seitenanfang