Folge 2: Knapp daneben ist auch vorbei

"Wenn du mir schon nicht intellektuell folgen kannst, könntest du mich wenigstens ansehen, wenn ich dir was erzähle, und nicht in diesen Hochglanzmagazinen herumblättern, wo sich halb-nackte Mäuseweibchen in seidigen Gewändern der Kamera hingeben", sprach ich zu Pinky, der wie immer gelangweilt und einfallslos in den Tag hineinlebte.
"Narf, ich dachte ..." , wollte er antworten; doch als ich ihm klarmachen konnte, daß DENKEN ein komplexer Prozeß ist, für den ein Individuum eine Menge (funktionierender, gut gekoppelter) Neuronenstränge haben muß, die verschiedene "GEDANKEN" in Tausendstel von Sekunden an das Sprachzentrum im Gehirn (falls vorhanden) weiterleiten, welches eventuell den Gedanken ins gesprochene Wort umwandelt, (daraus entstand erst die Kommunikation unter uns Mäusen) oder es beim bloßen Gedanken bewenden läßt, nickte er nur zustimmend und vergrub seinen kleinen Mäusekopf noch tiefer als vorher in den Seiten des Magazins.
Ich war also in Sachen Weltherrschaftspläne (wie nicht anders zu erwarten) wieder einmal völlig auf mich allein gestellt. Ich mußte kurz an den schrecklichen Alptraum zurückdenken, der mir letzte Nacht kalte Schweißausbrüche bescherte: ich wurde von einem schlimmen Feind unser Spezies heimgesucht, dem Mäusebussard. Jener hatte Pinky bereits als Vorspeise aufgefressen und sein Magen schien wohl noch mehr zu vertragen. Ich sah mich schon im Mäusehimmel, da wachte ich plötzlich aus meinem Traum auf und konnte mit Entzücken festellen, daß sowohl ich, als auch Pinky bei bester Gesundheit waren! Welch ein schrecklicher Traum, fast noch schlimmer, als wenn man von irgendeiner dahergelaufenen Allerweltskatze erbeutet und bestialisch aufgefressen wird. Aber gut, die Pflicht (sprich ein neuer Plan) rief! Was könnte man anstellen, um die Weltherrschaft wieder an die Leute (äh ... Mäuse, also uns) zu übertragen, denen sie seit anno domini zusteht?
"Pinky, spitz mal kurz deine Ohren, ich habe folgenden Plan: Wir dringen in das größte Sendezentrum der Welt ein, welches für Fernsehübertragung etc. verantwortlich ist. Dann müssen wir die gesamte Schar der Mitarbeiter durch ein von mir entwickeltes, von dir mit Hilfe eines Schlauches durch die Lüftungsschächte hineingeblasenes Betäubungsgas ablenken, damit wir die gesamte Technik vor Ort für eine Sendung benutzen können, die wir an alle Fernsehgeräte weltweit übertragen. In dieser Sendung werden wir eine solch eindrucksvolle und mitreißende Rede halten, die die Menschen von unserer priviligierten Stellung überzeugt, so daß sie uns hörig sind und wie Wachs in unseren Händen zerfließen. Dann haben wir die Weltherrschaft an uns gerissen. Für diesen (zwar umständlichen, aber hoffentlich funktionierenden) Plan haben wir jedoch nur ca. 2 min. Zeit, da danach die Wirkung von dem Betäubungsgas nachläßt. So weit, so gut. Was meinst du ?" "Genial, einfach genial Brain, darf ich an dem Gas auch mal schnuppern?" fragte er.
"Nein, Pinky, wir werden natürlich Atemschutzmasken tragen, damit uns das Gas nichts anhaben kann!" antwortete ich. Der Plan, den Pinky in seiner ganzen Komplexität und Genialität mit Sicherheit nicht durchstiegen hat, war also beschlossene Sache. Ich hoffte für mich, daß er wenigstens seinen Teil des Planes verstanden hatte, und somit nicht wieder alles vermasseln würde. Am nächsten Morgen machten wir uns also auf zum Sendezentrum. Nachdem wir ohne Probleme an dem Pförtner vorbeigekommen waren, krochen wir, mit Atemschutzmasken versehen, durch den Lüftungsschacht in das Sendezentrum. Pinky drehte die Gasflasche mit dem Betäubungsmittel auf, und kurze Zeit später fielen die Menschen wie vom Blitz getroffen um. Der eine wollte noch auf den "Alarmknopf" drücken, jedoch versagten ihm kurz davor die Kräfte. Er torkelte noch ein bißchen herum, um sich dann (nachdem er einen vergeblich Versuch unternahm, sich am Tisch festzuhalten) der Nase nach hinzulegen. Der erste Teil war geschafft, alle waren betäubt. Nun machte ich mich an einem Mikrofon zu schaffen, um der Welt dort draußen zu sagen, was sie nie vergessen würde. Pinky sollte sich um die technischen Sachen (wie z.B. Koordinierung und Sicherstellung der Ausstrahlung an alle Fernsehgeräte) kümmern. Ich kann ihnen nur eines sagen: ich hielt eine Rede, wie sie kein Politiker besser hätte halten können. Ich warf mit lückenlosen Argumentationen, ausgeschmückt mit Metaphern aller Art um mich, so daß sich der Erfolg auf jeden Fall einstellen sollte. Als ich fertig war, bedankte ich mich für die Aufmerksamkeit und versprach weitere Aktionen in den nächsten Tagen. Wir hatten es geschafft. Hatten wir wirklich? Die Mitarbeiter des Senders kamen langsam wieder zu Bewußtsein, weshalb ich Pinky, der die ganze Zeit auf irgendwelchen "schmutzigen" Seiten im Netz gewesen war, zu mir rief. Wir verschwanden wieder durch den Lüftungsschacht und ich fragte Pinky noch schnell, ob er sich sicher sei, daß mit der Übertragung meiner Rede alles glatt gegangen sei. Doch sein naiver Blick ließ nichts Gutes vermuten. "Naja, fuhr ich fort, hast du wenigstens das rote Stromkabel in die Steckdose gesteckt ?", fragte ich hektisch nach. Pinky zuckte ratlos und keinesfalls schuldbewußt mit seinen schmalen Schultern.
Jetzt wurde ich wütend, furchtbar wütend, aber im Gegensatz zu den Menschen kann ich mich ja beherrschen. "Du hast es wieder vermasselt", redete ich auf ihn ein, "ich halte eine geniale Rede, die uns die Weltherrschaft bringt, und du sorgst mit deinem Unverstand dafür, daß sie nicht übertragen wird, ich kann es nicht fassen!?" Das ging nach noch einige Stunden so, auch noch beim allabendlichen Käseessen konnte ich den mißglückten Versuch (dank Pinky) noch nicht so richtig verarbeiten. Aber ich hoffe ja, daß wir es mit der Weltherrschaft irgendwann mal auf die Reihe kriegen ...

Bis zum nächsten Abenteuer wünscht Brain ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

P.S. Pinky sagt gerade, daß es ihm Leid tut und daß er sich den Wünschen anschließt.

Dem bleibt nichts hinzuzufügen.
Bis bald Brain

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